Von Ludger Heidbrink

Ist der Holocaust ein Betriebsunfall der Moderne gewesen oder deren innere Konsequenz? Steht der Genozid am jüdischen Volk für das Versagen der deutschen Geschichte oder für die ihr eigene Rationalität? Im Angesicht der Ausschreitungen gegen Ausländer und Anschläge auf Mahnmale des NS-Terrors gewinnen diese Fragen eine erneute Aktualität: Sollte der Holocaust tatsächlich ein zwingendes Ereignis der deutschen Geschichte sein, steht zu befürchten, daß sich ähnliche Geschehnisse wiederholen.

In zwei großangelegten Untersuchungen versucht der englische Soziologe Zygmunt Bauman diesen Fragen nachzugehen. Die beiden Arbeiten stehen dabei in einem ergänzenden Verhältnis: Während die erste als soziologische Analyse der Judenvernichtung angelegt ist, liefert die zweite die theoretischen Überlegungen nach.

Bauman sieht im Holocaust kein singuläres Versagen des Zivilisationsprozesses, sondern die notwendige Folge des rationalistischen Weltbildes, das dem Fortschrittsdenken der Moderne zugrunde liegt. Die Alleinherrschaft der instrumenteilen Vernunft bildet die Ursache der Massenmorde und nicht der Rückfall in ein vorübergehendes Barbarentum. Was die Greueltaten ermöglichte, war nicht der zufällige Zusammenbruch errungener Humanität, sondern der perfide Charakter des technisch-zivilisatorischen Geistes selbst. Der Holocaust, so die These Baumans, ist das Produkt einer Moderne, die von der Idee einer absoluten Ordnung der Welt besessen war und in einem gnadenlosen "Kampf gegen die Ambivalenz" alles Uneindeutige und Andersartige ausschließen mußte.

Nun ist diese Diagnose selbst nicht allzu neu. Man findet sie schon in der "Dialektik der Aufklärung" und in der Kritik am utopischen Historizismus. Interessant ist vielmehr Baumans soziologische Beschreibung der bürokratischen Maschinerie, die eine Umsetzung der "Endlösung" überhaupt erst ermöglichte. Bauman zeigt, daß ohne die Perfektion der Verwaltung und die Monopolisierung der Gewalt im totalitären Staat der Genozid undurchführbar geblieben wäre. Den Motor des infamen Plans bildete eine administrative Hochleistungsapparatur, die zu einer Verselbständigung der Zwecke und Neutralisierung der Mittel führte. Moralische Reflexion und Kontrolle von Handlungen waren in der gigantischen Maschinerie der NS-Bürokratie nicht mehr möglich. In dieser Aufhebung jeder Unmittelbarkeit und der Eigendynamik von Entscheidungsprozessen sieht Bauman den Hauptgrund für die reibungslose Abwicklung des Vernichtungsprojekts. Es ist die Verflüssigung jeder Verantwortung und die verwaltungstechnisch bedingte Blindheit der Akteure für ihre Taten, die aus dem Ungeheuerlichen ein ganz "normales" Geschäft machten. Die Fähigkeit zum Massenmord entsprang mithin keiner kollektiven Psychose, sondern der Logik der bürokratischen Kultur. Die Banalität des Bösen hat dessen Rationalität zur Voraussetzung.

Es wird deutlich, daß der Holocaust in zweifacher Hinsicht betrachtet werden kann: Er beruht einerseits auf dem Zusammentreffen eines virulenten Antisemitismus mit einer politischen Krisensituation, die dank einer effektiven Bürokratie und der Sehnsucht nach Ordnung in die Vormachtstellung des totalen Staates umgemünzt werden konnte. "Normal" an dieser Entwicklung ist, daß sie im Prinzip jederzeit eintreten kann. Die moderne Gesellschaft, die in eine Vielzahl von frei arbeitenden Teilbereichen zerfallen ist, verfügt von sich aus über kein Zentrum mehr, das in der Lage wäre, die moralischen Defizite von Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zu kompensieren. Das nationalsozialistische Deutschland hat den Test auf die Folgen der funktionalen Differenzierung nicht bestanden. Der Holocaust stellt so gesehen tatsächlich einen "Betriebsunfall" dar, gleichsam einen sozialtechnologischen GAU höchster Stufe.

Andererseits beruht der Holocaust auf Faktoren, die bei aller "Normalität" eine einzigartige Summe ergeben. Von daher ist Bauman entschieden zu widersprechen, daß die im Expertenwissen und der Administration verkörperte Rationalität notwendig zu totalitären Gesellschaften oder gar zum Genozid führen muß. Hier dominiert zu sehr der an einer bestimmten Aufklärungskritik geschulte Blick des Soziologen, für den alle institutionellen Formen von Vernunft per se manipulativ wirksam werden. Bauman übergeht die Tatsache, daß die ethische Neutralität der bürokratischen Kultur nicht nur eine Gefahr darstellt, sondern auch eine Chance.