Eine Anzeige. Holzer denunziert seinen Nachbarn, er höre verbotenerweise Radio Tirana. Zur Überprüfung dieser Beschuldigung kommt, unangemeldet, eine Kommission Zu Herrn Hinz, drei Männer, eine Frau. Sie laufen in der Wohnung umher, bis plötzlich einer fragt: "Wo ist das Radio?" "Welches Radio?" fragte Herr H., "ich habe kein Radio. Ich habe bloß einen Fernseher, und der ist ordnungsgemäß gemeldet." Die Kommission ging. Und drei Wochen vergingen. Kein Ton war aus der Wohnung zu hören. Dann sah Herr Holzer zufällig, wie Herr Hinz zu einem dunklen Auto gebracht wurde, das vor der Haustür parkte und schließlich mit Herrn Hinz und hoher Geschwindigkeit davonfuhr.

Diese Begebenheit könnte sich in Rumänien zugetragen haben. Denn der kleine Mann mit dem großen Namen, Richard Wagner, hat bis 1987 zusammen mit seiner damaligen Frau, Herta Müller, in Rumänien gelebt. Es hat über die Lebensbedingungen dort, die Schwierigkeiten ihrer Ausreise geschrieben. ("Ausreiseantrag. Eine Erzählung", 1988) und über die Schwierigkeiten als Rumäniendeutscher hier, in der damaligen Bundesrepublik Fuß zu fassen ("Begrüßungsgeld. Eine Erzählung", 1989). Seine Geschichte von "Holzers Anzeigen" könnte also eine Erinnerung an diese Zeiten sein, als er täglich mit der Securitate rechnen mußte. Wenn diese Geschichte nicht noch eine Pointe hätte: Hinz, der Nachbar, ist abgeholt, aber "an einem der nächsten Abende hörte Holzer wieder deutlich das Radio hinter der Wand. Er hatte eine schlaflose Nacht. Am Morgen machte er die Anzeige". Mit dieser, gleichsam surrealen, Wendung löst sich die Geschichte von der bloßen Erinnerung. Hinter dem einzelnen Fall lauert etwas Unheimliches.

Es sind durchweg kurze, manchmal anekdotenhaft zugespitzte Geschichten von einer universellen Heimatlosigkeit, die Richard Wagner erzählt. Da ist einer aus der Welt gefallen, überall zu Hause und nirgends. Und: "Immer wieder gibt es eine schlaflose Nacht." Grundlos. Mit offenen Augen, staunend, bereit, Entdeckungen zu machen, treibt es die Figur umher. "Dann kam die Zeit, als die Frau, mit der ich elf Jahre zusammengelebt hatte, mich wegen eines anderen Mannes verließ." Nicht der Schmerz wird beschrieben, nur die Ereignisse, die ihn auslösen. Er geht, für ein Jahr, nach Italien. Er versucht, sich im Westen, dem Konsum, dem Überfluß zurechtzufinden. Ungläubig, staunend. Er stößt, zufällig, auf den "Himmel von New York im Museum von Amsterdam". Und auch hier löst sich die kleine Geschichte von ihrem stofflichen Anlaß. "Wie auf den Straßen an den Häusern entlang lief ich an den Bildern vorbei. Vor manchen blieb ich stehen. Chagall. Selbstporträt mit sieben. Fingern. Ich lief Treppen hinunter, stand plötzlich in einem kleinen Vorführraum, wo die Sitzplätze wie Stufen nach unten gingen. Amphitheaterartig. Vorne, wo man die Leinwand vermutete, war ein Bildschirm. Der Bildschirm zeigte, als ich reinkam, den Himmel von New York."

Nicht alle diese Stücke sind in der gleichen Weise gelungen. Die eher lyrischen Impressionen verlaufen sich oft in bloßer Beliebigkeit. Manche der Texte erinnern an die experimentellen Fingerübungen in den frühen Versuchen Heißenbüttels. Einige der Geschichten lassen sich nur noch als Dokumente der Verzweiflung deuten. Doch im Ganzen ergibt sich das weit aufgefächerte Bild eines zerrissenen, unglücklichen Bewußtseins, das sich allein noch fragmentarisch zu äußern vermag. Die Form dieser kurzen, lakonischen Stücke erscheint konsequent. Denn die Fragmente werden, wenn auch nur lose, zusammengehalten durch die Linien eines Schicksals, das sich, vage, aber sichtbar, hinter ihnen abzeichnet. Martin Lüdke

  • Richard Wagner:

Der Himmel von New York im Museum von Amsterdam

Geschichten; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1992; 118 S., 32,– DM