Ja, wir haben einen Staatsnotstand, aber nicht, wie Helmut Kohl meint, wegen der Ausländer, sondern wegen unseres Umgangs mit den Ausländern.

Jetzt das Asylgrundrecht zu ändern vermittelt all denen, die Ausländer angreifen, verletzen und töten, psychologisch folgende Botschaft: Ihr habt ja recht. Wir haben wirklich ein Problem mit den Ausländern. Eure Mittel sind nicht ganz okay – aber vielen Dank, daß ihr uns Politikern zeigt, wo’s langgeht.

Ich bestehe darauf: Wir haben kein Problem mit den Ausländern, sondern mit uns. Rechtes, rassistisches Gedankengut stört uns anscheinend nicht. Linkes schon. Da war der Teufel los. Da holten brave Bürger sofort die Polizei, wenn sie eine Gruppe von Langhaarigen in Lederjacken nur zusammen auf der Straße stehen sahen, da wurde der Begriff des "Sympathisanten" als potentiellen Mittäters erfunden. Da fühlte sich der Staat ebenfalls bedroht – durch die Täter, nicht durch die Bedrohten wie jetzt. Die Bedrohten von damals waren wichtige Menschen aus Politik und Wirtschaft, das war natürlich etwas ganz anderes. Vielleicht hätte man der RAF ein Freizeitheim bauen sollen – denn inzwischen wissen wir: Wer sich langweilt, keine Perspektiven hat, in häßlichen Plattenbauten wohnt, bringt andere Leute um. Wie gnädig wir alle mit den Neonazis sind, wie sehr wir versuchen, ihre Probleme zu verstehen! Ich habe den Verdacht, wir sind so nett zu ihnen, weil wir sie zu gut verstehen. Ein Volk von Sympathisanten.

Ein Test für all diejenigen, die jetzt aufheulen, weil sie sich für vollkommen unrassistisch halten: Zanken Sie sich mal mit einem Türken, einem Schwarzen, einem Vietnamesen um irgend etwas – einen Parkplatz, einen Sitzplatz in der U-Bahn, Ihren Platz in der Warteschlange vor der Kasse, und dann stoppen Sie mal mit, wann Sie anfangen zu denken: du blöder Türke, Neger, Vietnamese! Auch wenn ich vielleicht nicht zuerst da war, habe ich doch so etwas wie ein automatisches Vorrecht. Das ist in diesem Fall vielleicht nur ein klitzekleines, sekundenkurzes Gefühl. Aber von diesem klitzekleinen Gefühl bis zu der Meinung, daß Deutschenrecht vor Menschenrecht geht, ist es nicht so weit, wie wir vielleicht selbst gern glauben möchten.

Wäre ich eine politisch Verfolgte oder auch "nur" ein Wirtschaftsflüchtling, was ja immerhin auch heißen kann, daß meine Kinder in dem Land, aus dem ich stamme, zu verhungern drohen, dann würde ich mir ein Land auf der Welt wünschen, was mich als Individuum anhört, was sich die Großzügigkeit leistet, nicht über einen Kamm zu scheren, nicht nach Länderlisten zu verfahren, nach Quoten, Statistiken und politischen Erwägungen, ein Land also mit einem Asylrecht wie – noch – in Deutschland. Wäre es denn so schrecklich, wenn wir in der Asylpolitik wirklich am Ende das großzügigste Land Europas wären?

Deutschland den Deutschen. Probieren wir’s doch mal. Wenn alle bei uns lebenden Ausländer einfach streikten, würden wir dann endlich kapieren, was wir ohne sie wären? Oder würden wir es uns dann in unseren Müllbergen, ohne Eisdielen, Krankenschwestern, Döner, Frühlingsrolle und Ćevapčići, ohne afrikanische Trommelkurse, Bauchtanzseminare und ohne junge Menschen (wir wären hoffnungslos überaltert) so richtig schön gemütlich machen?

Ich hoffe, daß wir endlich aus unserem heimlichen, stillen Sympathisantentum herausfinden, daß wir uns mit aller Kraft wehren gegen den Rechtsradikalismus, daß wir den mühsamen alltäglichen Aktionismus wieder ausgraben, daß wir uns nicht zu blöd sind für jedes noch so kleine Zeichen, das wir dagegensetzen können. Jeder auf seine Art.