Von Thomas Schmid

Eine der Paradoxien, die das Ende der sozialistischen Regimes hervorgebracht hat, besteht darin, daß dessen über Jahrzehnte hinweg seiner Mission so. gewisse Gegner, die Demokratie, kaum in der Lage zu sein scheint, seinen Sieg zu verkraften. Nicht Zuversicht, sondern allseitige Ungewißheit steht auf der Tagesordnung. In dem Moment, wo den westlichen Demokratien ihr autokratischer Gegenpart genommen wurde, zeigte sich, daß die Kraft dieser Demokratien, sich aus sich selbst und ihren Ideen heraus immer wieder neu zu begründen, äußerst schwach entwickelt ist.

Vor Jahr und Tag versprach Helmut Kohl den Bürgern der untergehenden DDR, binnen kurzem werde ihr Land erblühen. Beängstigend war daran vor allem die Tatsache, daß der Kanzler wirklich glaubte, was er da sagte, daß er also wirklich der Meinung war, man könne ein derart komplexes ökonomisch-kulturelles Gebilde wie die Marktwirtschaft per Dekret einführen. Aber auch die Intellektuellen stehen nicht viel besser da. Von den Theoretikern der Dissidenz bis zu Michael Stürmer verwechselten viele von ihnen eine ziemliche Zeit lang hartnäckig den Zusammenbruch diktatorischer Regimes mit einem Sieg der Demokratie. Die Wirklichkeit, die etwa von einer Ethnisierung der Politik und einem neuen Stammeswesen geprägt ist, hat sie inzwischen eines Besseren belehrt. Es bleibt aber die Frage: Warum konnte die Demokratie für so etwas Einfaches und mit Selbstverständlichkeit sich Durchsetzendes gehalten werden?

Es sind Fragen dieser Art, denen der in Yale lehrende Althistoriker Donald Kagan in seiner Studie "Perikles. Die Geburt der Demokratie" Raum gibt. Er zeichnet anhand der Gestalt des Perikles eine entscheidende Phase aus der Blütezeit der ersten Demokratie, die wir kennen, nach. Um es vorweg zu sagen: Donald Kagan hat ein Buch geschrieben, das zwar – gemessen an der Intention des Autors – aus begreiflichen Gründen nahezu gescheitert ist, das aber dennoch zur Pflichtlektüre all derer werden sollte, die in der Demokratie fälschlicherweise eine gesicherte und unwiderrufliche zivilisatorische Errungenschaft sehen.

Kagans Buch kreist um die Tatsache, daß die Demokratie ein politisches Projekt darstellt, das einerseits ungeheuer fragil ist, andrerseits aber größere gesellschaftliche Kräfte freisetzen kann als jede andere politische Ordnung. Die Fragestellungen, die sich daraus ergeben, bettet er jedoch in ein Unterfangen, daß ebenso kühn wie aussichtslos ist: Er versucht – auf immerhin fast 400 Seiten – eine veritable Biographie des athenischen Staatsmannes Perikles zu schreiben. Es liegt auf der Hand, daß die Quellenlage sein Unterfangen nicht eben unterstützt. Weil Kagan, unter anderem Verfasser einer mehrbändigen Geschichte des Peloponnesischen Krieges, nicht zur Spezies der historischen Belletristen gehört, die schon mal die missing links in möglichst "authentischer" Form hinzudichten und nachstellen, ist er immer wieder gezwungen, das biographische Prinzip aufzugeben und ins Umfeld auszuweichen.

Das wäre im Prinzip nicht weiter schlimm, jeder Biograph behandelt schließlich Person und Kontext. In Kagans Darstellung gibt es jedoch, aus verständlichen Gründen, nicht die Spur eines Gleichgewichts zwischen beidem, und so wird man – je länger, je mehr – den Eindruck nicht los, die Exkurse zum historischen Umfeld hätten die Funktion, die Kargheit der eigentlichen Biographie zu überdecken. Obgleich Kagan alle halbwegs gesicherten Informationen über das Leben des Perikles zusammenträgt sowie umsichtig präsentiert und gewichtet, bleibt die Gestalt des Perikles letztlich blaß und schemenhaft. Obgleich der Autor sich nach Kräften bemüht, seiner persona dramatis Kontur und Geruch zu geben, gelingt es ihm letztlich doch fast nie, durch die – von Thukydides und anderen geschaffene – Wand der historiographischen, das heißt auch: medialen Bilder hindurchzudringen (und immer dort, wo der unnachgiebige, maßvolle, aber auch sture Demokrat Perikles Gestalt annimmt, spürt man deutlich das Konjekturale der Darstellung). So gesehen, hätte Kagan sicher besser getan, die ebenso glänzende wie kritische perikleische Phase der attischen Demokratie expressis verbis in den Mittelpunkt zu stellen und von Perikles gewissermaßen nur indirekt zu sprechen. So sehr sich Kagan auch bemüht: Gegen die notorische Verschwiegenheit eines sehr fernen Toten kommt er nicht an.

Dennoch hat Kagans Versuch, Perikles als politische Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen, seinen guten Grund. Man ist heute oft geneigt, die Demokratie für ein Regelsystem und nur dafür zu halten, also für etwas, daß durch institutionelle Vorkehrungen gesichert werden kann: die Demokratie als eine politische Maschine. Dagegen bringt Kagan in seiner Einleitung ein entschieden komplexeres Geflecht von Bedingungen ins Spiel, die zusammen erst Demokratie möglich machen. Demokratie, sagt er, braucht erstens eine Reihe funktionierender Institutionen, zweitens eine Bürgerschaft, die über Einsichten in die Prinzipien der Demokratie verfügt, und drittens eine qualifizierte Führung. Kagans Studie bewegt sich konsequent auf allen drei Ebenen, und der Witz seiner Darstellung besteht darin, daß er nie müde wird, das notwendige gegenseitige Wechselverhältnis von starker Bürgerschaft und starker Führung herauszuarbeiten. Das ist es, was ihn bewogen hat, ins Zentrum eines grundsätzlichen Werkes über die Demokratie, also die Herrschaft aller, einen einzelnen zu stellen.