Von Jürg Laederach

Dies sollte eine Hommage an den deutschen Literatur- und Literaturbetriebsreorganisator, den McKinsey Altenburg, werden. Ich behaupte nicht: die Klone sind unter uns, doch man gestatte mir, von der Kopie rasch zum Original (worauf die Kopie, dies ihre Aufgabe, hinweist) zu kommen. Vieles von dem, was ich sage, ist bekannt, deshalb hin und wieder Telegrammstil; Wörter kosten die Zeitung Geld, mich Mühe. Verlag Fischer: Buchmesse-Debatte zwischen Thomas Hettche und Maxim Biller, Leiter Uwe Wittstock, mit Hubert Winkels, Annette Meyhöfer und IHM, Audi Maximax.

Es geht um Einfaches, Hettche ist zu modern, es soll zwischen ihm und der Restwelt vermittelt werden. Er, nämlich Biller, erzählt in einer endlosen, von den Anwesenden als sehr komisch und entertaining empfundenen Laberei seine Schul-Grundsätze against Hettche, aber doch eher against everybody, so flüssig herunter, daß ich mir schon da (ich saß, kippte fast vor Lachen, schlug mir weithin sichtbar auf die Schenkel) denke, es muß sich bereits um den Kopf einer ganzen Gruppe handeln, geographisch/publizistisch zu orten etwa bei: Raum Köln, Raum Hamburg, Spex, Tempo, Ex-Tempo, Spiegel, Ex-Spiegel, Wieder -Spiegel, ex, et cetera, die ganze Neo-Paranoia zusammen. Noch hat sie an dem Abend keinen Rand, sie gibt ihn sich, Alterskontrolle, jemand über vierzig aufm Podium?, alle die Prüfung bestanden, dem Leiter werden paar Jährchen mehr nachgesehen, Publikumsprüfung findet keine statt, ich darf, sichtlich juvenilisiert, weiterlachen.

Hettche hat in der Folge die Paraderolle, die man nur neiden kann, er darf stillsitzen und durch Stille polarisieren, die Beisitzer sind nicht so vermessen, auch nur einen seiner Sätze zu zitieren, demnach braucht er keine Antworten zu geben, seufzt ab und zu, atmet, sagt Ach, Hach oder Na. Hubert Winkels vermittelt elegant zur Restwelt hin, de-Tempo-isiert sich mit der Feststellung, Texte müßten sich nur mit sich selber beschäftigen; was wiederum die Versammlung, die sich über die junge Dichtung und die Masse des lesenden Publikums unterhalten will, gefährlich zugunsten der als deutschspezifisch definierten Selbstisolation sich neigen läßt – neigen ließe, wäre da nicht ER und gäbe, am Anlaß vorbei, nämlich gesamtgeneralistisch Gegensteuer. Nebst den Erörterungen, die – mea culpa – erheiternd sind und die den mit Ausnahme der fascinoso-Stummrolle Hettches langfädigen Abendgottesdienst vergolden, fallen drei durch das Haupt gesagte Sätze, deren Live-Charakter nur noch eine Angabe ihres Inhaltes möglich macht, es sei denn, Gott oder ein mitgeführtes Kassettengerät überlieferten dereinst ihren exakten Wortlaut dem Geiste.

Maxim sprach drei auffällige: a) Jedwede literarische Ästhetik, jedwedes Wissen, was eine literarische Gattung – Qualität sowieso – ist, ist das Produkt der Altärsche in den Feuilletons und in der Gruppe 47; es hat den Zweck, uns auszuschließen. (Von da schlägt Maxim unabänderlich seinen dezenten Bogen zur deutschen Gesellschaft, die sowieso pogromatisch gestimmt sei, also auch da.) b) Deutsche Schriftsteller, die jetzt so heißen, raunen gern, und dann ergibt sich immer Novalis oder Richard Wagner, c) Es geht mir um die Macht, nur um die Macht, was denn sonst.

Der arme oder zufriedene Hettche, als einzelner das Podium ins Hundertste, ins Tausendste treibend, ohne je persönlich vorzukommen, beugte sich da oder sonstwo plötzlich vor und sagte: Jetzt bin ich kurzerhand einfach mit Biller einverstanden. Ja möchten, Sie und Sie, zeigt Wittstock auf die beiden, vielleicht eine neue junge literarische Gruppe 92 gründen? Der Saal faßt es als Pointe auf und lacht noch einmal los.

Polemik sei mir fern, insonderheit natürliche Anführer daraus gestärkt hervorgehen. In einem immerhin publiken Feuilleton meinem Gegenstand mit dem sofortigen allgemeinen Vergessen zu drohen (das Vergessen für jene, die einer Stasi-Mitarbeit noch nicht überführt sind; damit auch sie endlich Weihnachten kriegen) scheint mir technisch schwer möglich. Es erinnert mich an den Postboten, der seine Runde abschreitet und an allen Häusern sagt, heute trage er die Post nicht aus. Besonders fröhlichen Eindruck machte allerdings Biller nicht; das Publikum war besser; ich fühlte mich an die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten erinnert, deren Semantiken ich von Anfang an verfolgte: flinke Rührbesen in zunehmend sich verfestigender Sahne, jetzt reden sie noch, aber mit höherer Mechanisierung zunehmend lahmend. Om mani padme hum, Mühle, Kurbel. Jung war Maxim allerdings; allerdings, genau gesagt, nicht mehr so ganz total völlig jung, was man eben jung-jung nennt, und zudem hatte er das Blutband mit dem jungen Hettche mutwillig zerschnitten, womit – überraschend – Jugend als gemeinsames Bindemittel wieder einmal versagt hatte. Die Alten, ha, sie haben wenigstens die Grauen Panther, alle ständig miteinander in Kontakt, die IG Jahr, telephonieren sich jede Stunde, eine wohlorganisierte Front. Wo man auch hinblickt, selbst auf dem außerliterarischen Turf: überall Leute eines gewissen Alters. Kohl in Billers Jahren: undenkbar, wäre ein revolutionärer Kreisleiter gegen Kohl. Ob nicht, universell gesprochen, ein riesiges Komplott der höheren Lebensalter gegen die weniger hohen aufzudecken wäre? Ehe man’s aufdeckt, sterben sie, so sind sie.