Von Paul Michael Lützeler

Die studentische Revolte der sechziger Jahre bestimmte für ein knappes Jahrzehnt den kulturellen Diskurs in der Bundesrepublik. Kennzeichnend für ihn war ein verspäteter Antifaschismus sowie die Wiederentdeckung aufklärerisch-emanzipatorischer Denker und sozialistischer Utopisten. Zur Paradoxie dieser Jugendbewegung gehörte, daß zwar viel die Rede war von der Veränderung der gesellschaftlichen "Basis", daß sich aber die von ihr intendierten Umbrüche auf den "Überbau", den Bereich der Kultur, bezogen. Diese Paradoxie hatte ihre Ursache: Zum Grundkonsens der antiautoritären Generation gehörte, daß man glaubte, eine soziale Revolution durch Bewußtseinsveränderungen herbeiführen zu können. Wenn heute eine Geschichte der Gegenwartsliteratur erscheint, ist es angemessen, sie in den sechziger Jahren beginnen zu lassen. Die studentische Bewegung war auch (vielleicht sogar vor allem) eine literarische Angelegenheit, und kaum anderswo hat sie solch nachweisbare Spuren hinterlassen wie in der Literatur.

Klaus Briegleb und Sigrid Weigel haben gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen eine Geschichte der Gegenwartsliteratur seit 1968 erarbeitet. "1968" steht hier als Kürzel signalhaft für die kulturelle Zäsur in den sechziger Jahren und verweist auf die Perspektive der Beiträger und Beiträgerinnen, bei denen – wenngleich in selbstkritischen Brechungen – die Inspirationen von 1968 nachwirken. Ihren wissenschaftlichen Ansatz definieren die Herausgeber als Produkt der Methodendiskussionen, die die 68er Bewegung in der Literaturwissenschaft zeitigte. Diese Perspektive bringt es mit sich, daß die Literatur der sechziger und siebziger Jahre relativ ausführlicher behandelt wird als die Dichtung der letzten Dekade. Das Interesse gilt vor allem jenen Arbeiten, die sich direkt den Denkanstößen von 1968 verdanken beziehungsweise sich als "Neue Subjektivität" noch mittelbar von ihnen ableiten. Gleich drei Beiträge referieren – mit vermeidbaren Wiederholungen und Überschneidungen – über die Reportage- und Dokumentarliteratur der unruhigen Zeit, aber über die Dichtung der Postmoderne in den achtziger Jahren erfährt man zuwenig. Im Vorwort erklären die Herausgeber, daß auf die Begrifflichkeit der Postmoderne bewußt verzichtet worden sei. Eine solche Enthaltsamkeit hat ihren Preis. Sie führt dazu, daß jene Literatur, die nicht in das Koordinatensystem des 68er Denkens paßt, nicht angemessen behandelt wird und daß postmoderne Einflüsse aus den USA, Frankreich und Italien kaum beachtet werden.

Im Vorwort wird auch postuliert, daß es sich bei diesem Band um eine Literaturgeschichtsschreibung "am Text" handle. Einzelanalysen gibt es aber so gut wie keine; im Gegenteil werden in jedem Abschnitt eine Vielzahl von Werken pauschal abgehandelt. Die Stärke dieser Literaturgeschichte liegt in der Fülle der Beispiele, die als Beleg für Trends und Tendenzen angeführt werden. Hier liegt gleichsam ein reichhaltiges Archiv der Gegenwartsliteratur vor, das man übersichtlich mit Rubrikenaufschriften versehen hat wie "Aufbruch 1968", "Literatur von unten", "Literatur der Fremde", "Literatur ehemaliger DDR-Autoren", "Frauenliteratur", "Literatur und Politik", "Krise des Erzählens", "Theorie in der Literatur", "Subjektivität und Autobiographie" oder "Avantgarde heute?". Obgleich im Vorwort die Einteilung nach Gattungen als "längst überholt" verworfen wird, finden sich nichtsdestoweniger gesonderte Kapitel über Lyrik und Hörspiel. Was fehlt, ist eine Abhandlung über den zeitgenössischen Essay als literarische Gattung. Aufschlußreich – und in herkömmlichen Literaturgeschichten selten zu finden – ist ein eigener Aufsatz über Kultur- und Literaturzeitschriften. Weniger ergiebig dagegen sind die kurzen Abschnitte über die Literatur in der Schweiz und in Österreich. Warum eine Darstellung der Literatur in der DDR fehlt, ist nicht einsichtig.

Über Periodisierung, Aufbau und Methoden einer Literaturgeschichte läßt sich immer streiten. Bei allen Einschränkungen, die man im einzelnen vorbringen wird: Hier liegt eine der wichtigen Leistungen der zeitgenössischen Germanistik vor. Nichts ist schwieriger, als eine Geschichte der Gegenwartsliteratur zu schreiben: Kanonisiert ist wenig, und Vorbilder, die man imitieren oder gegen die man anschreiben könnte, gibt es nicht. Brieglebs eigene Beiträge zeichnen sich durch Scharfsinn, Klarheit in der Darstellung und eine immense Detailkenntnis der Politik- und Kulturgeschichte aus. In seinem einleitenden Beitrag "Literatur in der Revolte" umschreibt er die Geburt des homo subversivus aus dem Geist der situationistischen Avantgarde. Hier wird der Verlauf der Studentenbewegung kritisch nachgezeichnet und der Anteil der Schriftsteller an ihr herausgestellt.

Brieglebs zweiter Beitrag handelt davon, wie stark sich gerade die Schriftsteller mit ihren Arbeiten gegen das Vergessen, gegen die Verdrängung der NS-Verbrechen stemmten. Er vertritt die These, daß nach Auschwitz nur noch eine negative deutsch-jüdische Symbiose vorstellbar sei. Von den jüngeren Autoren habe das am klarsten Gert Hofmann erkannt, dessen Prosa auf die "Dekonstruktion der deutschen Ideologie von der politischen Symbiose mit den Juden" hinauslaufe. Im Blick auf die Literatur jüngerer deutschsprachiger jüdischer Autorinnen wie Jeannette Lander, Lea Fleischmann und Esther Dischereit meint Briegleb, daß der Literaturbetrieb eine Verbreitung ihrer Dichtungen verhindere. Für konsequent hält Briegleb eigentlich nur Hildesheimer, der meinte, daß die Realität einer Welt, in der Auschwitz möglich war, erzählerisch nicht mehr abbildbar sei und daß man sich daher mit "the end of fiction" abzufinden habe.

Sigrid Weigel gibt Einblick in die multikulturelle, von Angehörigen minoritärer Gruppen geschriebene "Literatur der Fremde". Ihr Augenmerk ist dabei besonders auf die von Frauen geschriebene Migrantenliteratur gerichtet, etwa von Sinasi Dikmen und Aras Ören. Weigel steuert auch eine dichte, theoretisch fundierte Studie zur Entwicklung der deutschsprachigen Frauenliteratur seit 1968 bei. Sie zeigt, wie literarische und theoretische frauenemanzipatorische Tendenzen sich zunächst getrennt voneinander entwickelten, sich dann aber seit den achtziger Jahren in Arbeiten von Elfriede Jelinek, Christa Wolf, Anne Duden, Ginka Steinwachs, Elfriede Czurda und Ria Endres berühren.