Von Andreas Lueg

Die Stadt träumt im Gehen: Bologna sogna. Samstagnachmittag unter den Arkaden der Via Indipendenza, alle sind unterwegs: Familien schlendern, Kinder zerren ihre Eltern, Paare führen untergehakt ihre Liebe spazieren, Einzelgänger bemessen ihre Schritte wie auch die Polizisten, Teenies tänzeln, Rucksackträger fügen sich in den Gänsemarsch, und ein junger Schwarzer trägt sechs Golduhren spazieren, drei an jeder Hand. Bologna flaniert, phantasiert. Es ist schwer zu ergründen, wovon: einer Coppa di Mascarpone, süß wie das Paradies mit einem Dach aus Kakao? Tortellini, appetitlich dem Bauchnabel der Venus nachempfunden? Kundschaft für die falschen Rolex? Campari-Soda? Oder dem Parfüm der Langmähnigen da vorn? Bologna im Dämmer: Die tiefstehende Sonne greift unter die Arkaden, streichelt über den alten Stein und läßt das Rot der Hauswände aufglühen.

Bologna und seine Portici: 36 Kilometer überdachte Fußgängerwege, von Geheimnis durchwehte Passagen, hinter deren halb heruntergelassenen Markisen wie auf einer Open-air-Bühne immer dasselbe Stück gespielt wird: Begegnung und Abschied. Eine Transitstadt. Denn alle Straßen führen nach Rom, und durch Bologna, Italiens wichtigstem Eisenbahnknoten, viele Gleise. Die Hauptstadt der Emilia: nur ein Streckenposten der großen Karawane auf dem Weg nach Süden, verloren zwischen den Besucherhochburgen Venedig und Florenz. Ein tristes Schicksal für die Stadt, die den Begriff "Tourismus" überhaupt erst erfunden haben will, 1904, bei der ersten Bologneser "Esposizione Turistica".

Dottore Augusto Spaggiari, Chef der Azienda Promozione Turismo, lächelt fein. Draußen schiebt der Wind ein paar Wolken über die Piazza Maggiore. "Sehen Sie", sagt der Direktor, "wir sind eben keine Museumsstadt. Bologna lebt." Die Spitze zielt, mit aller Höflichkeit, auf Florenz und seine Posen, auf das Getümmel der Besucher, das Bologna dagegen erspart bleibe. Bescheidenheit ist wiederum die Sache der Bologneser nicht; hochkarätige Kunst hat man auch zu bieten, aber eben nicht auf dem Tablett der Tourangebote. Aristokratische Selbstbezichtigungen wie "La Dotta", die Gelehrte, und "La Grassa", die Fette, polstern unterdessen das Ego, füttern die an gepflegtem Wohlleben orientierte Identität der Stadt. Bis jetzt jedenfalls. "Delikatessen addio", betitelte nämlich im September La Repubblica eine Schreckensmeldung im Lokalen: Im Epizentrum des mangiar bene werde neuerdings der Gürtel enger geschnallt, abgespeckt – direkte Folge des Lira-Fiaskos.

In Bologna, für seine nostalgischen Liebhaber das "rote Schatzkästchen", macht der Mythos schon lange nicht mehr satt: jenes schillernde Paradox einer kommunistisch regierten Stadt des Wirtschaftswunders, in der die italienischen Übelgeister – Korruption, Chaos und organisiertes Verbrechen – erfolgreich in Schach gehalten wurden. Bologna, als gut funktionierendes Gemeinwesen in Italien ohne Beispiel, war in den frühen achtziger Jahren Pilgerziel des alternativen Tourismus aus aller Welt, besonders bundesdeutscher Sozialdemokraten auf Bildungsreise, bevor sich auch von denen die meisten lieber der Toskana und gereiftem Grappa widmeten.

Sonntagvormittag, vor der "Bar Commercio", gegenüber der mächtigen Basilika S. Petronio. Über dem leisen Geklingel der Stimmen und Espressotassen ertönt lautes Geschrei. Zwei alte Männer haben ihre Zeitungen gegeneinander gezückt und schimpfen aufeinander ein. Einer der Kontrahenten ist Sympathisant der Partito Democratico di Sinistra, der sozialdemokratisch gewendeten Kommunisten, der andere ficht für die Rifondazione Comunista, die die alten Werte eines roten Morgens hochhält.

Es geht um die rein rhetorische Frage, ob Agnelli oder Berlusconi Italiens neuer Duce sei; vor allem aber darum, welche Fraktion der Linken angesichts des derzeitigen politischen Desasters im Land vor der Geschichte recht behält. Das Problem ist fraglos ernst, aber die Szene hat etwas unfreiwillig Folkloristisches. Ein paar Meter weiter am Palazzo d’Accursio verharrt eine Reisegruppe aus China vor dem Mahnmal für die Partisanen, Bolognas politischem und historischem Gewissen, dem Gedächtnis des Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Moment mal, fragt einer der Touristen aus Shanghai den Besucher aus Hamburg: Waren Hitler und Mussolini damals nicht Verbündete?