Hätte Kamal, der elfjährige Palästinenser aus einem Dorf auf der besetzten Westbank, nicht eine jüdische Großmutter, es gäbe für ihn keinen Anlaß, von einem friedlichen Miteinander zu träumen.

Kamal ist ein Kind der Intifada, der "Sprechenden Steine". Mit Steinwürfen protestiert er gegen die Willkür und Gewalt israelischer Soldaten und fühlt sich als gerechter Verteidiger seiner Heimat. Denn wo patriotische Lehrer verhaftet, Trauergäste erschossen werden, wo Olivenhaine neuen Siedlungen weichen müssen und das Militär Brunnen für den Bau von Swimmingpools beschlagnahmt, darf von dem kindlichen Beobachter und Berichterstatter keine Objektivität erwartet werden.

Abdel-Qadir erzählt Wirklichkeit, um der Wahrheit des Jungen gerecht zu werden. Und das macht "Die sprechenden Steine" zu einem unbequemen Buch. Kamal gerät immer tiefer in die Eskalation israelischer und palästinensischer Herausforderung. Und nur einzelne Menschen lassen den Jungen ahnen, daß es noch eine andere Wahrheit jenseits jüdischer und arabischer Selbstgerechtigkeit geben muß: ein hilfreicher, gebildeter französischer Jude, eine deutsche Entwicklungshelferin, die ihren palästinensischen Freund in ebenjenem gelobten Land heiraten wird, das wiederum den Vater Geld verdienen läßt.

Doch angesichts der Wirklichkeit ist dies zuwenig. Als Kamal am Ende des Buches im Hospital von Bethlehem sein zerschossenes Knie ausheilen darf, bleibt diese Heilung der einzige Trost. Etwas anderes kann Abdel-Qadir – will er glaubhaft bleiben – weder seiner Hauptfigur noch den Lesern gönnen. Kamal wird weiter Steine werfen, wird Unrecht durch Unrecht vergelten, ein Widerspruch, dem auch Abdel-Qadir hilflos gegenübersteht – die knirschenden Übergänge von Aktion und Reflexion machen seine Ohnmacht lesbar.

Im letzten Jahr veröffentlichte der 1948 in Palästina geborene Autor, der seit fast einem Jahrzehnt in Deutschland lebt, seine Kindheitserinnerungen: "Abdallah und ich". Dort war noch etwas vom prallen Leben einer keineswegs idyllischen, aber intakten arabisch-islamischen Gemeinschaft zu spüren, aus der naiven Sicht eines Neunjährigen geschildert, eine Naivität, die jetzt dem Jungen der Intifada verlorengegangen ist. Auch damals verließen die Söhne, die Ehemänner das Land, um zu studieren und Geld zu verdienen, auch damals war die Erinnerung an eine Besatzung – die britische – lebendig. Aber die Olivenhaine sicherten eine bescheidene Existenzgrundlage, und das Leben wurde durch akzeptierte, selbstbestimmte Traditionen geregelt.

Wie sich Zeit und politische Situation geändert haben, so wechselt Abdel-Qadir nun konsequent Erzählweise und Gattung. Vom augenzwinkernd staunenden Bericht, von unterhaltsamen Episoden aus liebevoll geschilderter ferner Welt geht er zur hart markierten Reihung täglich erlebten Unrechts über.

Es findet sich kein vergleichbares Beispiel: Zwei aufeinanderfolgende Jugendbücher dokumentieren den Verlust eines Kindheitsparadieses – eines Paradieses, dessen Kultur keine spezifische Kinderliteratur kennt. Die wachsende Gewalt in der Welt seiner Kindheit läßt das Träumen unter Olivenbäumen nicht mehr zu. Birgit Dankert