Da reden wir unbelehrbar bis heute von "Sonnenaufgang und -untergang", obwohl wir es doch – allem schönen Schein zum Trotz – längst besser wissen. Dank jener kopernikanischen Wende, die der Klosterschüler und Florentiner Hofmathematiker Galileo Galilei in den Rang einer formidablen Ketzerei erhoben hat. An den nahenden Weltuntergang zu glauben war zwar auch damals schon nicht nur bei frommen Geistern in Mode, aber daß es die Erde ist, die sich wie jeder x-beliebige Planet um die Sonne dreht und mit ihr die "Krone der Schöpfung", der Mensch, das reizte den Zorn der Heiligen Römischen Inquisition. 1632 verurteilte sie den Denker, der neben der Bibel auch den eigenen Kopf benutzte, neun Monate später jedoch schon seinen "Irrtum" bekannte. Daß er dabei "Epur si muove – und sie bewegt sich doch!" gemurmelt hat, ist Legende; schließlich wollte er seine Tage lieber unter Hausarrest in seiner toskanischen Villa als auf dem Scheiterhaufen beenden. Und irgendwann ...

Ja, jetzt, nach genau 360 Jahren – irdischen, nicht astronomischen Lichtjahren! –, ist es schon soweit: Ein leibhaftiger Pontifex tritt vor die Päpstliche Akademie der Wissenschaften und gesteht, was alle Welt längst weiß: Der römischen Kirche und ihren Oberen sei der "Denkirrtum" unterlaufen zu meinen, "daß unser Wissen über die physische Welt in gewisser Weise vom wörtlichen Sinn der Heiligen Schrift festgelegt sei".

Sollte der Papst zum spätbekehrten Jünger Drewermanns geworden sein? Nein, Rom liegt nicht im Lande Luthers, und der polnische Papst ist nicht so unbeweglich wie seine teutonischen Kritiker. Wendig nahm er die philosophische Kurve: Der Fall Galilei sei zum Mythos gemacht worden, zum Symbol angeblicher Unverträglichkeit von Wissenschaft und Glauben; in Wirklichkeit aber sei es damals zu einem bedauerlichen, tragischen und – "gegenseitigen Mißverständnis" gekommen.

So versüßt man sich bittere Pillen. Ein bißchen war eben auch dieser Galilei schuld. Immerhin hat die von Johannes Paul II. vor dreizehn Jahren eingesetzte Studienkommission aus den Inquisitionsakten herausgefunden, daß für das Ketzer-Urteil weniger Galileis revolutionäres Weltbild entscheidend war als seine Absage an Aristoteles, auf dem die scholastische Theologie und deren Verständnis vom Abendmahl beruhte. Muß aber religiöser Glaube unbedingt wissenschaftlicher Analyse standhalten oder gar naturwissenschaftlich verifizierbar sein? Eine Kirche wie die katholische übernahm in der Auseinandersetzung mit der Aufklärung oft selbst deren naive Wissenschaftsgläubigkeit, während sie dem wirklichen, liberalen Fortschritt nachhinkte.

Immerhin hat das Zweite Vatikanische Konzil entdeckt, daß es "zwei verschiedene Erkenntnisordnungen gibt: die des Glaubens und die der Vernunft". Dazu bedurfte es nicht einmal einer kopernikanischen Wende – die schlicht Gläubigen wußten das lange vor den Gottesgelehrten.

Der jetzige Papst, dem immer schon Mystik näher lag als Dogmatik, hat eben deshalb zum stillen (und manchmal auch geflüsterten) Kummer vatikanischer Beamter den Fall Galilei aus der historischen Versenkung holen lassen. "Der Beistand des Heiligen Geistes garantiert keinerlei Erklärungen über die physische Beschaffenheit der Welt", gestand er schon 1983 vor einem naturwissenschaftlichen Symposium in Rom.

Lediglich aus päpstlichem Mund klingt derlei nicht nur wie banale Selbstverständlichkeit. Mehr denn je läßt sich allerdings die späte Erkenntnis aufrechnen gegen "moderne Sünden" der Forschung. Nicht der Papst, sondern Bert Brecht schrieb zu seinem "Galilei", daß sich die Wissenschaft, "eine legitime Tochter der Kirche, gegen ihre Mutter gewandt hat". Und Carl Friedrich von Weizsäcker war es, der befand, daß bei Galilei "der gerade Weg zur Atombombe begann". Auch diesen Galilei hat der Papst rehabilitiert. So dreht sich die Kirche mit der Welt. Hansjakob Stehle