Von Pietro Scanzano

BIELEFELD. – Mafiamorde wie am Fließband, eine Geldentwertung von über siebzehn Prozent in drei Wochen, ein neuer lokaler Wahltriumph der Liga-Nord-Bewegung, die gesamte Landesregierung der Abruzzen und ganze Gemeinderäte in Vercelli und der Reggio Calabria wegen Korruption angezeigt: Es überrascht nicht, wenn der meistgebrauchte Begriff zur Beschreibung der italienischen Verhältnisse das Wort Krise ist.

Nicht nur in der internationalen Presse wird er benutzt. Ein italienischer Kommentator diagnostizierte neulich eine globale "Vertrauenskrise aller in alles", die das Land befallen habe. Der Grund dafür, so der Kommentator, könne darin liegen, daß "die nationale Identität in einer Krise steckt".

Bei solch einer großzügigen Verwendung des Begriffs ist die Frage angebracht, ob das Wort Krise in Italien überhaupt eine Bedeutung hat, die uns vertraut ist: Wenn alles Krise ist, was ist dann Krise?

Ohne die gegenwärtige Lage auf der Halbinsel zu bagatellisieren, muß man festhalten, daß Politik in Italien als eine andauernd krisenhafte Angelegenheit wahrgenommen wird. Normalität ist ein Fremdwort – die Krise ist die Normalität.

Eine Krise wird in Italien nicht als etwas aufgefaßt, das es zu analysieren und schließlich zu beseitigen gilt. Krisen wird man in Italien nie los. Ihre jahrtausendalte Geschichte hat die Italiener dazu gebracht, ein eigenes Krisengefühl zu entwickeln, in welchem die Krise den heimlichen Motor der Lebensauffassung darstellt. Ohne Krise würde man in Italien an Entzugserscheinungen leiden. Darüber hinaus hat die Erfahrung dieses Volk davon überzeugt, daß es keinen Zweck hat, gegen die Krise zu handeln, sondern das Leben es erfordert, sich mit der Krise zu arrangieren.

Das mag vielleicht erklären, warum Italien dem fremden Beobachter seit jeher als Land beständig am Rande eines Abgrunds erscheint: Doch zur Katastrophe kommt es nie. "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst", sagte Federico Fellinis Autor Flaiano.