1n "Menora 1992", dem "Jahrbuch für deutschder Universität Duisburg (Verlag Serie Piper), demonstriert der Kunst- und Mediensoziologe Alphons Silbermann, "daß Erinnern und Vergessen eher als eine soziale Aktion anzusehen sind denn als Güter der individuellen Mentalität. Wir werden einsehen müssen, daß Erinnern und Vergessen vordringlich sozial signifikante Sachverhalte sind Silbermann stützt sich auf die verdrängten Arbeiten des französischen Soziologen Maurice Halbwachs, der in Buchenwald ermordet wurde. Sein Buch über das kollektive Gedächtnis erschien 1950, die deutsche Übersetzung erst 1967. Die Brücke von der sozialen Aktion zum Speicher des individuellen Gedächtnisses sind die Vorstellungen. Von ihnen hat Freud angenommen, sie stammten von Wahrnehmungen ab, ja seien deren Reproduktionen. Silbermann hebt wahrnehmbare Manifestationen hervor wie das "gemeinsame Erinnern" durch Nacherzählungen, gemeinsam Erfahrenes und dessen tradierende Effekte, Gedächtnisfeiern und Gedenktage mit ihren unterschiedlichen Bewertungen des Vergangenen durch das Heute.

Gegen das wortlose. Niederlegen von Kränzen und Schleifen zu bestimmten Daten wendet er ein: "Die stumme Erinnerung an diejenigen, die wie Millionen von jüdischen Menschen im Kampf ums Leben den Tod gefunden haben, bringt auch die Gewalttätigkeiten der Aktionen zum Schweigen, die zu ihrem Verlust geführt haben Silbermann belegt am Beispiel der Juden ein Kollektivgedächtnis, das sowohl die Hilfe für Verfolgte wie deren Vernichtung bewahrt "Während es in der riger Denkmalstürze und unglaublicher Missetaten gegen Fremde, was den Tätern plötzlich einfällt. Die sozialpolitischen Erklärungen reichen nicht hin, um die ideologische Richtung plausibel zu machen. Die psychologische Frage, warum Halbwüchsige die Erinnerung an die Nazis gewaltsam institutionalisieren, führt nur zur nächsten, warum der Verfassungsstaat seine Artikel l bis 3 nicht vor ihnen schützt.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar " Wie aber, wenn die Erfahrung lehrt, daß sie mit Füßen getreten werden darf, weil die Leute wegsehen, gaffen, gar applaudieren, statt dendie Missetäter zurechtzuweisen? "Menora 1992" ist voller historischer Antworten. Menschliche Würde gründet auf Gegenseitigkeit. Silbermann hat recht: "Von gemimter Betroffenheit triefende Gesichter" können in alle Ewigkeit nicht wiederbringen, was der Augenblick versäumt hat. Demonstrationen guten Willens sind eine Sache, dem Unrecht im Einzelfall wehren eine ganz andere.

Daß es daran mangelt, scheint am Kollektivgedächtnis zu liegen "Wie harmlos ist die deutsche Gemütlichkeit?" befragt ein Spezialheft der Zeitschen Publizistik e. V, FrankfurtM ) die volkstümliche Fernsehunterhaltung. Sie boomt; aber vom Volkstümlichen zum Völkischen ist es nicht so weit, wie mancher denkt "Nichts geht über die Gemütlichkeit" heißt: Deutsche Gemütlichkeit schreckt vor nichts zurück, auch nicht vor dem Pogrom, wie Karl Arnolds berühmte Karikatur im hat: ". A Ordnung muaß sei und a Judenpogrom "

Vielleicht sollte man, um den sozialökonomischen Zusammenhang der Gemütlichkeit mit der Gewalt deutlicher zu sehen, im Wiener WespenKarin Fleischanderl über "Pornographie als Denkfaulheit".

Das Erinnern lebt von der Spannung zwischen dem Erfahrenen und dem Gefährlichen. Deshalb bemühen immer wieder Nachgeborene das kollektive Gedächtnis. Die Lösung ethnischer Konflikte, denen die International Political Science ReDawson & Sons, Folkestone UK, Redakteur der Ausgabe: John Coakley), ist eine Sisyphusarbeit. Der Zürcher Redakteur Peter Schneider kommt bei seinen psychoanalytischen Überlegungen zum Schluß: "Unsere Schwierigkeiten mit den Fremden beruhen darauf, daß sie uns so erschreckend ähnlich sind, ähnlich nicht nur als Konkurrenten um all die Güter, die auch wir begehren, sondern ähnlich auch darin, daß sie sich selbst so fremd sind wie wir uns (Mittelweg 36, Zeitschrift des November 1992).

Die Konkurrenz ist tief in dem industriegesellschaftlichen Mechanismus verankert. Deshalb bezweifelt der Jugendforscher Wilhelm Heitmeyer (Bielefeld) in den Gewerkschaftlichen MonatshefGewerkschaften über rhetorische Abwehr des Rechtsextremismus hinausgelangen.