Von Walter Oswalt

"Es sind also nicht die sogenannten Mißbräuche wirtschaftlichen Macht zu bekämpfen, sondern wirtschaftliche Macht selbst" Walter Eucken

Entschlossen zieht sich der junge Mann den Mantel über – bereit, in den Kampf gegen Napoleon zu ziehen. So stellte der Schweizer Maler Ferdinand Hodler die zentrale Figur seines 1908 entstandenen Gemäldes "Aufbruch der Jenenser Studenten" dar. Nur wenige Kunstkenner wissen, wer dem Maler als Modell für sein berühmtes Bild diente: Es war der siebzehnjährige Gymnasiast Walter Eucken, er wurde später einer der für das Selbstverständnis der bundesdeutschen Wirtschaftspolitik wichtigsten Ökonomen.

Walter Eucken wurde am 17. Januar 1891 in Jena als Sohn des Philosophen Rudolf Eucken und der Malerin Irene Eucken geboren. Nach Studium in Bonn und Kiel, Militärdienst im Ersten Weltkrieg, Dozententätigkeit in Berlin und Professur in Tübingen folgte er 1927 einem Ruf nach Freiburg, wo er bis zu seinem Tod 1950 lebte. Während seiner nationalökonomischen Ausbildung in der damals vorherrschenden "Historischen Schule" und seiner Arbeit für den Reichsverband der Textilindustrie (1921 bis 1924) erkannte er, wie die akademische Ökonomie sich von wirtschaftlichen Interessengruppen beeinflussen ließ. Vor allem beobachtete er, wie sich die erste deutsche Demokratie in Deutschland der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nicht erwehren konnte. Als Konsequenz dieser Erfahrungen stellte Eucken in das Zentrum seines Werkes die Kritik wirtschaftlicher Macht und die Suche nach Strukturen, die sie begrenzen könnten. Im Jahre 1940 erschienen "Die Grundlagen der Nationalökonomie" und zwölf Jahre später "Grundsätze der Wirtschaftspolitik". Im Mittelpunkt des ersten Hauptwerks stand die "Ordnungstheorie", die Systematik aller Wirtschaftsformen. Im zweiten entwickelte er die "Ordnungspolitik", die Idee des "Ordo" – Maßstäbe einer Wirtschaftsverfassung, in der der Staat zwar den Rahmen setzt, die Individuen darin aber frei entscheiden können.

Die Grundlagen für seinen Forschungsansatz legte Eucken Anfang der dreißiger Jahre, als er zusammen mit dem Juristen Franz Böhm die "Freiburger Schule" begründete. Dazu stießen weitere Ökonomen und Juristen in Freiburg, Kontakt gab es aber auch zu dem Ökonomen Wilhelm Röpke und dem Soziologen Alexander Rüstow, die beide im Exil lebten. Mit befreundeten Wissenschaftlern und einer Reihe von Pfarrern traf Eucken sich seit dem Novemberpogrom 1938 in verschiedenen Freiburger Wohnungen, um über den Aufbau einer freien Gesellschaft nach dem erhofften Zusammenbruch des NS-Staates zu beraten. Nach dem 20. Juli 1944 zerschlugen die Nazis diesen oppositionellen Diskussionskreis. Walter Eucken, ohnehin gefährdet durch die Einstufung als "jüdisch versippt", wurde mehrfach durch die Gestapo verhört, aber nicht inhaftiert.

Nach 1945 schlug die Stunde der Freiburger Schule: Eucken beriet die französische und die amerikanische Militärregierung, er arbeitete in den wissenschaftlichen Beiräten der Verwaltung für Wirtschaft und des jungen Bonner Wirtschaftsministeriums mit.

Politiker wie Ludwig Erhard, Karl Schiller und Otto Graf Lambsdorff beanspruchten Eucken für ihre Wirtschaftspolitik als den "maßgebenden Verfechter der Marktwirtschaft" (Erhard). Otto Schlecht, Eucken-Schüler und Staatssekretär im Wirtschaftsministerium von 1973 bis 1991, hält Euckens Hauptwerke für die einflußreichsten ökonomischen Bücher der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Der Begriff "Ordnungspolitik" ist aus der Diskussion in Deutschland nicht mehr wegzudenken; im Wirtschaftsministerium schwärmt man gar von der "Exportfähigkeit der ordnungspolitischen Grundsätze von Walter Eucken".