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Von Susanne Koppe

Fast unbemerkt ist die Welt der Kinderbuchproduktion zusammengerückt: Jedes dritte in Deutschland verkaufte Kinderbuch stammt aus dem Ausland. Babar, der französische Elefant, ist bei uns ebenso zu Hause wie die englischen Bären Puh und Paddington. Deutsche Heimautorin Nummer eins ist die Schwedin Astrid Lindgren, und Deutschlands Kinder müßten sich eigentlich wundern, wenn sie nicht wie die Kinder von Bullerbü zum Abendbrot Grütze oder als Taschengeld Öre und Kronen bekommen.

Machen sich Kritiker und Leser immer noch Gedanken darüber, wie kindgerecht ein Buch erscheint, interessiert die Macher mittlerweile vor allem, wie weltmarktgerecht es sein könnte. Die neue Zauberformel des Profits heißt "internationale Koproduktion". Der Grund dafür liegt im gattungstypisch hohen Bildanteil: Die Herstellungskosten von vierfarbig illustrierten Kinderbüchern sind so groß, daß sie erst bei einer hohen Auflage rentabel werden. Ist es inzwischen üblich geworden, den Farbteil eines Buches für mehrere Länder auf einmal zu drucken, so wird der laufende Text auf einer separaten Schwarzplatte eingedruckt. Da jede Veränderung im farbigen Bildteil Zusatzkosten verursacht, sollten die Bilder also von Anfang an auf internationale Verwertbarkeit konzipiert sein.

Mittlerweile ist es selbstverständlich geworden, unlösbar in das Bild integrierte Texte zu vermeiden. Wenn die insbesondere in Japan und den USA erfolgreiche Andersen-Preisträgerin Lisbeth Zwerger bei ihrem jüngsten Werk "Das große Lalula" aus den Anfangsbuchstaben von Morgenstern-Gedichten farbige Vignetten formt, müssen sich ihrem Verleger Michael Neugebauer die Haare sträuben! Geschickt dagegen agiert der Künstler John A. Rowe, der in seinem Bilderbuch "Hasenmond" das Wort "Gartenparty" zwar farbig auf einem Schild aufleuchten läßt, jedoch das "d" – oder, wenn man will: das "t" – des "garden/Garten" durch einen Raben dezent verdeckt.

Die Rücksichtnahme auf den internationalen Markt zahlt sich aus: Auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte der Nord-Süd-Verlag das Bilderbuch "Der Regenbogenfisch" des Schweizers Marcus Pfister. In siebzehn Ländern verlegt, beträgt die Gesamtauflage 75 000 Exemplare. Dagegen liegt die durchschnittliche Bilderbuchauflage im deutschsprachigen Raum bei etwa 6000 Exemplaren! Wie bei Nord-Süd üblich, sind auch beim "Regenbogenfisch" sieben Sprachgebiete durch den eigenen Vertrieb abgedeckt, für die anderen konnte man Koproduktionspartner gewinnen. Unter diesen Voraussetzungen ist es möglich, ein technisch sehr aufwendiges Buch – eine durchgehend eingeprägte Diffraktionsfolie verleiht dem Fisch sein glänzendes Schuppenkleid – zu einem erschwinglichen Preis anzubieten.

Die Kehrseite der Medaille: Abgesehen von strengen Terminplänen und langen Vorlaufzeiten, werden immer häufiger künstlerische und inhaltliche Konzessionen erforderlich. Welche Ausmaße diese annehmen können, zeigt das Beispiel Großbritannien: Im Gefolge der allgemeinen britischen Rezession wurde hier der Lizenzhandel zur Überlebensstrategie; viele britische Verlage wurden dadurch von den internationalen Partnern wirtschaftlich völlig abhängig. Und – wie bekannt – wer abhängig ist, wird unfrei: Englische Lizenzmanager tingeln auf sale trips in den USA, ihrem wichtigsten Koproduktionspartner, um dort, mit Skizzen und Inhaltsangaben beladen, Buchrechte zu verkaufen. Findet sich kein Interessent, bedeutet dies das frühzeitige Aus für das geplante Vorhaben.

Um erfolgreich zu verhandeln, "jäten" die Briten schon im frühesten Projektstadium alles, was in den USA Anstoß erregen könnte: Ein nackter Kinderpo kann dort das Lizenzgeschäft ebenso platzen lassen wie eine eindeutige Aussage zur Evolutionstheorie. Der Verlag Methuen mußte beispielsweise den Illustrator Axel Scheffler davon überzeugen, in seinem Bilderbuch "A Squash And A Squeeze" einer sitzenden Ziege das Euter zu amputieren – den Amerikanern erschien der Anblick zu obszön.

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Mag man hierzulande auch versucht sein, über derlei altväterlichen Puritanismus zu schmunzeln, so vergeht einem doch das Lächeln, wenn man erkennt, daß sich durch die Hintertür der Koproduktion still und heimlich die Prüderie der pilgrim fathers in die deutsche Kinderstube einschleicht. Wenn "A Squash And A Squeeze" nächstes Frühjahr im deutschen Buchhandel ausliegen wird, dann werden wir in einer gereinigten, in einer für den internationalen Sammeldruck produzierten Fassung blättern – auch für deutsche Verleger gibt es da keine Sonderwünsche. Im Normalfall ahnen diese noch nicht einmal etwas von dem sittlichen Hürdenlauf, den die auf den Buchmessen erstandenen Bücher bereits hinter sich haben.

Der amerikanische Einfluß muß sich jedoch nicht immer so restriktiv auswirken. Die rigorose Forderung der US-Verlage nach einer Art Minderheitenquote für Bilderbuchprotagonisten hat farbigen Kindern auch in unseren Büchern zur selbstverständlichen Präsenz verholfen. So begrüßenswert dies auch erscheint, konsequent ist es nicht: Hierzulande müßte statt oder neben dem afroamerikanischen John ein türkischer Ali abgebildet werden, in den Niederlanden eine indonesische Yeni, in England eine indische Sitah, in Frankreich ein arabischer Salem. Wie so häufig retten sich Verlage und Künstler bei solch unterschiedlichen Ansprüchen in möglichst indifferente Darstellungen. Die Bilderbuchkinder werden schlicht undefinierbar dunkel dargestellt.

Modelliert wird jedoch vorwiegend mit Rücksicht auf den amerikanischen Markt. Zum einen verspricht er die höchsten Umsätze, zum anderen reagiert er weitaus empfindlicher auf Fremdes und Unbekanntes als der japanische und europäische. Während in Deutschland kein Kind mehr staunt, wenn Father Christmas im Rentierschlitten spazierenfährt, käme es Engländern oder Amerikanern nie in den Sinn, deutsche Weihnachtsgeschichten mit einer Darstellung deutscher Weihnachtsbräuche zu kaufen. Eine Mischung aus Kultursnobismus und wirtschaftlichem Kalkül macht gerade das traditionelle Großbritannien zum abgekapseisten und gleichzeitig exportstärksten Buchland. So wurden im Jahr 1990 gerade vierzig deutschsprachige Titel als Lizenzausgabe in die englischsprachige Welt verkauft. Über zwei Drittel der beinahe tausend nach Deutschland importierten Titel waren dagegen angelsächsischen Ursprungs.

Deutsche Verleger störte die Einseitigkeit dieses Kulturaustausches bisher wenig, schließlich ist der Einkauf aus dem Ausland bequemer als Autorenförderung und die Entwicklung eigener Ideen – und nicht zuletzt billiger. Bei einem relativ stabilen Binnenmarkt profitierten sie von der herausragenden angelsächsischen Kinderbuchtradition und konnten zudem die Weltoffenheit der hiesigen Kinderbuchkultur demonstrieren. Diese entpuppt sich bei genauerer Betrachtung jedoch als Schein: Sind skandinavische und niederländische Bücher noch relativ gut vertreten, gelten Übernahmen aus Italien und Spanien schon als Exotika. Besonders düster sieht es bei der Kooperation mit der sogenannten Dritten Welt aus. Während Bücher über die Dritte Welt einen festen Platz in der Kinder- und Jugendliteratur haben, gelten authentische Werke als unzumutbare Fremdkörper, deren sich nur engagierte Kleinverlage annehmen.

Wie in guten alten Kolonialzeiten sind die Augen der Welt zumindest kinderliterarisch auf das British Empire gerichtet, und von dort kommt auch die neueste Variante des internationalen Verlegertums: der "Packager". Von den einen als "Brutstätten synthetischer Massenware" verteufelt, von den anderen als innovative Kreativwerkstätten hochgelobt, entwickeln Packager Buchideen und bieten diese dann weltweit Verlagen an. Potentielle Kunden können Kritik und Sonderwünsche anmelden, bis ein alle zufriedenstellendes Konglomerat entsteht. Sind genügend Abnehmer gefunden und erscheint die Buchproduktion finanziell interessant, wird auch gedruckt.

Marktführend ist dabei der Packager Dorling Kindersley. Sein Markenzeichen: brillante, unverwechselbare und letztendlich stereotype Photoabbildungen. Nach dem Firmenmotto "There is only one market: the whole world!" wurde seine erfolgreichste Reihe "Sehen-Staunen-Wissen"; in Deutschland von Gerstenberg vertrieben, in einer Gesamtauflage von über dreißig Millionen in 31 Länder verkauft. Auch das neue vierfarbige und vierbändige Ravensburger Kinderlexikon stammt aus den Dorling-Kindersley-Labors. Die hohen Reprokosten und die aufwendigen Redaktionsarbeiten wurden auf 22 Verlage verteilt, die Weltgesamtauflage beträgt fast 700 000 Exemplare. Knapp kalkuliert, hätte der Ravensburger Verlag für ein vergleichbares, im Alleingang produziertes Projekt etwa den doppelten Preis verlangen müssen. 98 Mark erweisen sich jetzt als echter Dumpingpreis.

Der verwöhnte Kunde, dem Buchpreise traditionell ohnehin überhöht erscheinen, wird angesichts dieses Lexikons ein Bildersachbuch wie "Mutter geht in die Politik", das der Ellermann Verlag für 22 Mark vertreibt, als zu teuer empfinden. Doch sein Inhalt ist so spezifisch deutsch, daß das Buch nicht einmal in Österreich oder der Schweiz verkauft werden kann. Dorling Kindersley kann solche nationalspezifischen Projekte nur belächeln: Packager verlegen ausschließlich Bücher, über die international ein hoher Konsens besteht. Den ach so beliebten Dinosauriern ist gegenüber politisierenden Müttern eindeutig der Vorzug zu geben; generell haben geistes- und sozialwissenschaftliche Themen das Nachsehen.

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Da dem Packager die optische Ausstattung eines Buches über alles geht, verkommt der Text häufig nur noch zum Grauwert zwischen den Bildern. Im Sachbuch ist der üblich gewordene Blocksatz auf das englische Original zugeschnitten, so daß die um etwa ein Drittel längere deutsche Übersetzung entweder durch Sprachverstümmelung oder Informationskürzung hineingepreßt werden muß. Noch empfindlicher leidet Schöngeistiges unter diesen internationalen Zwängen: Bei einem Klassiker der Weltliteratur wie Defoes "Robinson Crusoe" in einer "farbigen Prachtausgabe" des Hoch Verlags wurde dem Übersetzer die wahrhaft künstlerische Aufgabe zuteil, den Text dem englischen Original-Layout anzupassen.

Daß Kinderbücher nicht als autonome, unantastbare Kunstwerke gelten, hat allerdings Tradition. So mußte der englische Illustrator Martin Waddell zu seinem Entsetzen feststellen, daß in der italienischen Übernahme seines Bilderbuchbestsellers "Can’t You Sleep Little Bear?" knochentrockene Informationen über Sternkonstellationen eingeschoben waren – die italienische Vorliebe für didaktische Ergänzungen im Kinderbuch hatte über das poetische Konzept des Autors gesiegt. Und auch hierzulande hat die Authentizität ihre Grenzen: Während Pippi Langstrumpf im schwedischen Original Fliegenpilze ißt, darf sie deutschen Kindermägen zuliebe nur Steinpilze verspeisen.

Zumindest mußten in den Anfängen der Kinderliteratur keine Konzessionen in der Originalausgabe erfüllt werden. Nie wäre es einem Lektor in den Sinn gekommen, Lewis Carroll um eine "weniger britische" Fassung seiner Alice zu bitten. Ohne über die Grenzen des eigenen Landes zu schielen, wurden Bücher geschrieben und künstlerisch gestaltet, und ihre Universalität war nicht geplant, sondern glücklicher Zufall und Zeichen grenzüberschreitender Qualität.

Heute wird jedoch durch das immer lukrativer werdende Lizenzgeschäft gezielt "Weltliteratur" für Kinder produziert. Und auch deutsche Verleger wollen sich ihren Anteil am internationalen Geschäft sichern. Verlage, die beim internationalen Karussell nicht aufspringen, werden auf der Strecke bleiben. Der Ravensburger Verlag Otto Maier plant denn auch erste eigenständige Packagerversuche. Überall wird das Lizenzmanagement forciert, und immer häufiger kommt der Rotstift zum Einsatz. Nationalbedingte Themen oder Kunstrichtungen sind aus kalkulatorischen Gründen zu vermeiden, Architektur, Kleidung und Alltagsgegenstände sind so unspezifisch darzustellen, daß sie niemandem fremd erscheinen. Auf diese Weise werden Individualität und Vielfalt abgetötet, der Traum von einer multikulturellen Kindheit zu Grabe getragen: Bücher, so geschmacksneutral und fad wie international vertriebenes Fast food. Wer es allen Herren recht machen will, von Kindern ganz zu schweigen, befriedigt letztlich niemanden mehr. Und ob es die völlig nivellierten Bücher zu Dumpingpreisen mit den eben noch billigeren und noch flacheren Medien wie Fernsehen und Tonträgern aufnehmen können, ist mehr als zweifelhaft.