Von Fritz Gesing

Die immer wieder gestellte Frage nach den Wurzeln und den Bedingungen literarischer Kreativität fand schon viele Antworten, doch jede noch so einleuchtende Formel warf neue Fragen auf. Vor allem die "sentimentalischen" unter den Schriftstellern reflektierten ihr Tun und informierten ihre Leser darüber, wie aus einer "Generalbeichte" eine "Komposition" (Goethe), aus "Fakten Fiktionen" (Frisch) wurden. Im 20. Jahrhundert sind die "naiven" Schriftsteller selten geworden, und dementsprechend haben sich die Werkstattberichte und Poetiken vermehrt.

Die beiden vorliegenden Versuche nähern sich der Fragestellung auf ganz verschiedenen Wegen. Während Vargas Llosa die autobiographische Geheimgeschichte eines eigenen Werks nachzeichnet, untersucht Ingold anhand literarischer Zeugnisse insbesondere das Selbstverständnis von Dichtern, die – wie er selbst – glauben, der Autor als unabhängiger, sprachmächtiger Schöpfergott habe abgedankt zugunsten der "quasisakralen Instanz", der Sprache selbst.

Mario Vargas Llosas schmales Büchlein, schon 1971 erschienen, aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt, enthält eine mit leichter Selbstironie geschriebene, spannend zu lesende Plauderei über die Entstehungsbedingungen seines berühmten Romans "Das grüne Haus". Es verrät, bei aller scheinbaren Anspruchslosigkeit, mehr über den literarischen Produktionsprozeß als manch kopflastiger Wälzer.

Der Bericht bestätigt aufs Schönste einige der psychoanalytischen Thesen zur literarischen Kreativität, ohne daß er je abglitte in die Erfahrungsleere allgemeiner Begrifflichkeit. Wir lesen von frühen Prägungen während der Pubertät und Adoleszenz, von Sehnsüchten und unvergeßlichen Bildern, von bedrängenden und gleichzeitig faszinierenden Erlebnissen. Vargas Llosa berichtet von dem "grünen Haus", einem Vorstadtbordell seiner peruanischen Heimatstadt Piura, das er, zehnjährig, als geheimnisvolle Tabuzone erlebte und später, mit siebzehn, entzauberte; von der "Mangacheria", dem bunten Armenviertel der Stadt, das er mit literarischen Vor-Bildern zu einer bleibenden "Identifikation in meinem Kopf" verschmolz. Er erzählt von dem Kontakt mit einer fremden, exotisch-brutalen Welt, dem oberen Amazonasgebiet und seinen Bewohnern, und ergänzt seinen Bericht durch eine zum Mythos gewordene Geschichte über einen Abenteurer, der, als wäre er der Erzählung von Joseph Conrad entsprungen, ins "Herz der Finsternis" vorstieß.

Die Bearbeitung dieses autobiographischen Materials verlief meist untergründig: Es wurde in einem vorläufigen, noch epigonalen Versuch literarisch geformt, dann ad acta gelegt und vergessen, tauchte aber, als der Autor sich in Paris, weit von seiner Heimat entfernt, aufhielt, wieder auf. Nachdem er sich entschlossen hatte, nur noch Schriftsteller zu sein, und auch schon einen ersten Erfolg verbuchen konnte, wurde endgültig aus dem Rohmaterial Romanmaterial. Vargas Llosa wollte um das "grüne Haus" und das Amazonasgebiet gleichzeitig zwei Romane ranken lassen; aber während des Schreibens wuchsen diese beiden Romane zusammen, und der Autor gab schließlich den Entfaltungen und der Eigendynamik der Geschichten und ihrer Personen nach. Welche literarischen Einflüsse anregend, vorbildhaft und musterbildend gewirkt haben, vergißt er ebensowenig zu erwähnen wie seine Selbstzweifel nach der Fertigstellung des Romans und den abschließenden Realitätstest.

"Die persönlichen Erfahrungen (seien sie erlebt, geträumt, gehört oder gelesen), die den ursprünglichen Antrieb für das Niederschrieben der Geschichte bildeten, unterliegen im Verlauf des schöpferischen Prozesses einer derart geschickten Tarnung, daß nach der Fertigstellung des Romans niemand, oft nicht einmal der Romancier selbst, ohne weiteres jenen autobiographischen Herzschlag vernehmen kann, der zwangsläufig in jedem dichterischen Werk pulsiert. Das Schreiben eines Romans ist ein umgekehrter Striptease, und alle Romanciers sind diskrete Exhibitionisten."