Von Gunhild Freese

Selbst eine "unendliche Geschichte" findet einmal zu einem glücklichen Schluß – jedenfalls im Reich der Literatur. Im schnöden Geschäftsleben hingegen finden die handelnden Personen allemal noch ein Schlupfloch, um dem Ende einer Affäre zu entgehen – zumal dann, wenn einer der Hauptakteure Metro heißt. Und so ist von einer Geschichte zu berichten, deren Ende ganz und gar nicht absehbar ist.

Seit Mitte der siebziger Jahre etwa – wann genau die Geschichte begonnen hat, ist den heute involvierten Personen nicht mehr bekannt – prozessiert die Kölner Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels (HDE) gegen Großhandelsmärkte der Düsseldorfer Metro-Gruppe. Schon anno 1971 haben sich HDE und Cash- und Carry-Verband, dessen wichtigstes Mitglied die Metro einmal war, in gleicher Angelegenheit beim Bonner Wirtschaftsministerium getroffen.

Der Vorwurf der HDE, die als Spitzenorganisation des Einzelhandels die "wirtschaftlichen, beruflichen und sozialen Interessen" der Branche vertritt, ist in nunmehr über zwanzig Jahren fast gleichgeblieben: Die Metro, so ärgern sich die Einzelhändler, halte sich nicht an die für den Einzelhandel geltenden gesetzlichen Regeln. Das aber wollen die Händler bei ihrem ungeliebten, einst sogar heimlich bewunderten Konkurrenten durchsetzen. Denn die Metro, so die Händler weiter, betreibe gar keinen "funktionsechten Großhandel", sondern mache in großem Umfang Geschäfte mit dem Endverbraucher – ist in diesen Fällen Einzelhändler. Vor Gericht hat die Konkurrenz schließlich obsiegt. Doch an dem Verhalten der Metro änderte sich so gut wie nichts.

Die Düsseldorfer Großhandelskette, die 1971 ihre Zentrale in die Schweiz verlegte, hat freilich gute Gründe, Gerichtsurteile zu fürchten: Sie verdankt ihren phänomenalen Aufstieg einer schönen, nicht leicht zu bestimmenden Mischung aus Groß- und Einzelhandelsgeschäft. Denn daß Gewerbetreibende und Freiberufler, Wiederverkäufer und Gastronomen stets weit mehr Waren bei der Metro einkauften, als sie für ihr eigenes Geschäft benötigten, schien unerklärtes Geschäftsziel des Großhandelsgiganten. Entsprechend umfänglich sind auch die Sortimente in den Metro-Märkten. An den Ausgängen wurde kaum kontrolliert, wer was kaufte. So erwarb die Metro ein Image, das deren Einkaufsausweise immer begehrenswerter machte – und sie wurden entsprechend großzügig verteilt. Dem Einzelhandel, der die Wettbewerbsgesetze einhält und ohnehin einem scharfen Konkurrenzkampf ausgesetzt ist, entgingen erhebliche Umsätze, die der Großhändler andererseits gar nicht machen durfte.

Unter Ausnützung dieses ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteils, glauben die Einzelhändler, ist die Metro zu dem geworden, was sie heute ist: das mit Abstand größte Handelsunternehmen der Republik mit einem Umsatz von annähernd achtzig Milliarden Mark. In einem beispiellosen Fischzug hat die Metro heimische Einzelhandelsfirmen an Land gezogen: zuerst den Kölner Warenhauskonzern Kaufhof, dann etliche Fach-, Verbraucher* und Baumarktfirmen und schließlich in diesem Sommer mit Hilfe von Kaufhof und WestLB das Düsseldorfer Warenhausunternehmen Horten. Den bisher größten Brocken, die Mehrheit an dem Saarbrücker SB-Warenhauskonzern Asko samt knapp zwanzig Umsatzmilliarden, schluckte die Metro im August – ein Fall freilich, der das Bundeskartellamt noch beschäftigt.

Daß sich die Metro durchaus als Großhandelsunternehmen im Sinne des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb betrachtet, muß nicht weiter überraschen. Als ein solcher Großhändler genießt sie die gesetzlichen Privilegien denn auch in vollen Zügen. Großhändler haben sich nicht an das für den Einzelhandel geltende Ladenschlußgesetz zu halten, bei der Preisauszeichnung genügt die Angabe der Nettopreise – ohne Mehrwertsteuer. Großhändler sind in miet- und kostengünstigen Gewerbegebieten angesiedelt, benötigen weniger Verkaufs- und Beratungspersonal, Parkraum und sonstigen Aufwand für Geschäfte mit dem Letztverbraucher.