Eine kühle Brise kämmt durch die Linden. Fledermäuse huschen durchs Zwielicht, ein Rotkehlchen singt. Es ist einer jener wundersamen Herbstabende, an denen die Dinge so heiter und klar erscheinen. Der Blick fällt hinunter in den Talgrund, verirrt sich zwischen Schindeldächern und Fachwerkgemäuer, schweift hinüber zum Schloß: das Städtchen Wernigerode im Harz, still und traumversunken, als läge es auf einer italienischen Vedute und nicht mitten in Deutschland.

Benno Russo wird das ganz anders empfunden haben, damals, als er noch abends hier oben auf dem Lindenberg spazierenging. Was heißt spazieren? Gramgebeugt sei er durch die Dämmerung geschlichen, erinnern sich die Alten. Und wenn er hinunterschaute auf die Stadt, dann suchte er im Weichbild seine Villa. Sie war leicht zu finden. Herr Russo mußte sich nur an die dicken Rauchwolken halten. Sie stiegen aus den Schloten der letzten Dampflok, die vom Brocken hinunterstampfte und im Bahnhof Wernigerode einlief. Gleich hinter den Gleisen sah er die Giebel seiner Villa an der Feldstraße 7.

Die Wehmut wird ihn befallen haben. Was waren das für glückliche Tage, die er mit seinen Lieben in diesem Haus erleben durfte! Sein Bruder Moritz hatte es bauen lassen. Die Sonnenseite schmückten prächtige Jugendstilfenster. Sie symbolisierten in buntem Glas drei der christlichen Tugenden: Liebe, Treue, Hoffnung.

Die jüdische Familie Russo war angesehen in Wernigerode. Ihre Fabrik belieferte sogar die deutsche Wehrmacht mit Harzer Käse. Die kleinen Abendgesellschaften in der Villa, die Sommerfeste, die Hauskonzerte mit seiner Frau Clara, der Opernsängerin – alles war nun vorbei. Denn die Russos bewohnten zu dieser Zeit schon eine bescheidene Wohnung in der Lindenbergstraße 30 und mußten den gelben Judenstern tragen. In ihrem Heim hatte es sich ein Nazi gemütlich gemacht. Das Haus war 1936 zwangsversteigert worden.

Im Winter 1942 wurden die Russos mit dem Transport XX/2-147 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Benno Russo starb dort am 18. April 1943. Seine Frau kam in den Gaskammern von Auschwitz ums Leben.

„Sieg heil! Sieg heil!“ Schlachtrufe steigen aus den Gassen von Wernigerode auf. „Deutschland! Deutschland!“ Hier oben auf dem Lindenberg ist es deutlich zu hören. Nein, das geschah nicht damals, sondern neulich, und es war nicht das Gebrüll der alten, sondern der neuen Nazis.

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