REGENSBURG. – Die Kanoniker des Stifts St. Johann suchten Schutz bei der Justiz: "Unter ihren Augen", (in einer von den geistlichen Herren vermieteten Wohnung), so beschwor der von ihnen beauftragte Rechtsanwalt das Amtsgericht, geschehe tagtäglich Ärgernis. Der Richter möge den "unzumutbaren" Zuständen ein Ende machen und die Mieterin zwingen, die Wohnung zu räumen. Was war geschehen?

Die 54jährige Mieterin, eine ständig an Kopfschmerzen, Depressionen, Wirbelsäulenbeschwerden und Gastritis leidende Rentnerin, hatte ihren 58jährigen Freund, schwerbehindert und zeitweise pflegebedürftig, in ihre Wohnung aufgenommen. In den Augen der Kanoniker ein zweifacher Frevel: Zum einen handelt es sich um eine nichteheliche Lebensgemeinschaft, zum andern ist der Frührentner auch noch geschieden. Die Geistlichen fühlten sich in ihren "ethischen und moralischen Grundsätzen" verletzt, argumentierte der Rechtsanwalt in der Räumungsklage.

Kanoniker, ehemals Angehörige des Klerus an einer Kathedrale, sind heutzutage meist Ruhestandsgeistliche, die sich zu einem gemeinsamen Leben in Stille, Gebet und brüderlicher gegenseitiger Hilfe zusammengefunden haben. Eine schöne Einrichtung, zumal wenn ein Kollegiatstift wie St. Johann in Regensburg bereits auf mehr als 850 segensreiche Jahre zurückblicken kann.

Solche Stifte verfügen meist über einen bescheidenen Haus- und Grundbesitz. Sofern die Kanoniker diesen Wohnraum nicht selbst benötigen, vermieten sie ihn vorzugsweise an mit irdischen Gütern nicht reich gesegnete Leute. Freilich mitunter zu Bedingungen, die auf dem freien Wohnungsmarkt ebenso exotisch geworden sind wie die wirklich fairen Mieten der geistlichen Herren.

Die Rentnerin dürfe ihre Wohnung nur allein bewohnen, so lautete die Bedingung der Kanoniker. Zwar hatte sie den Vermietern schon vor ihrem Einzug Anfang 1989 anvertraut, daß sie einen Freund habe und ihn gern heiraten würde. Es schien aber, als vertrauten die beiden auf das weiche Herz der geistlichen Herren; sie zogen ohne Trauschein zusammen.

Ein paar Tage vor Weihnachten 1991 drohte das Kollegiatstift seiner Mieterin daraufhin die fristlose Kündigung an, die dann auch am 7. Januar dieses Jahres ausgesprochen wurde; sie weigerte sich, ihren Partner vor die Tür zu setzen. Die Frau zog vor Gericht und bekam vom Rechtsanwalt des Kollegiatstifts vorgehalten, ein Zusammenleben Nichtverheirateter, "insbesondere wenn der andere Partner ein Geschiedener ist", verstoße gegen die moralischen Grundsätze der katholischen Kirche, laufe aber auch "in extremo" dem Zölibat und damit einem tragenden Grundsatz des Kirchenrechts zuwider. Der merkwürdige Passus bezieht sich offenbar auf einen Kanoniker, der mit der ärgerniserregenden Mieterin zusammen in dem Gebäude wohnt, das somit "einem Pfarrhof vergleichbar" sei.

Vergeblich kramte der Rechtsanwalt der Rentnerin ein Grundsatzurteil des Oberlandesgerichts Hamm heraus, wonach eine auf Dauer angelegte eheähnliche Gemeinschaft lediger Partner nicht gegen die guten Sitten verstoße.