Von Rainer Frenkel

Berlin

Wie wird Honecker argumentieren, wenn ihm Mauerbau und Schießbefehl zum Vorwurf gemacht werden? Wird er darauf hinweisen, daß der Schießbefehl in der inneren Logik die notwendige Sanktion dafür ist, daß die Mauer nur drei Meter hoch gebaut worden ist? Wird er darlegen, daß ohne den Mauerbau die DDR bereits 1961 wirtschaftlich zusammengebrochen wäre und die Sowjetunion damals den Versuch eines Herausbrechens der DDR aus ihrem Machtbereich mit einer militärischen Intervention beantwortet hätte?"

Diese Fragen hat der Jurist Nicolas Becker im Februar 1990 in der ZEIT gestellt, also noch zu Lebzeiten der DDR. Die Antworten kennt Becker vielleicht schon. Denn er ist heute, neben Friedrich Wolff und Wolfgang Ziegler, einer der drei Verteidiger Erich Honeckers. Der Prozeß gegen das einstige Staatsoberhaupt der DDR und andere greise Kader aus der Führungsriege des untergegangenen Staates beginnt am 12. November, wenn nicht doch noch die Verfassungsrichter dazwischenfunken.

So kurze Zeit vor dem größten Ereignis in seiner Karriere sucht der 1946 geborene Nicolas Becker seine innere Balance. Auftritte im Fernsehen geraten fast arrogant, Telephonate verlaufen – was Wunder – hastig und unverbindlich. Im Gespräch jedoch fallen Attitüden dieser Art rasch ab. Gelegentliche Sprüche werden ironisch gebrochen. Beinahe vorsichtig formuliert er seine Sätze. Ein Jux ist das alles schließlich nicht.

Wie kommt einer auf die Idee, Erich Honecker zu verteidigen? "Ziegler und ich sind gefragt worden", sagt Becker. Von Honeckers bisherigen Verteidigern Wolff, Vogel und Noack, von denen nur Wolff dabeibleiben wollte. Sie sind eben einfach so gefragt worden. Und "es reizt natürlich jeden Verteidiger, einen Staatsfeind Nummer eins zu vertreten". Becker spielt mit seinen Händen, schaut zur Seite, baut den Gedanken weiter aus: "Es hat mich gereizt, eine Verteidigung zu übernehmen, die für den Mandanten gut ist und nicht schweinisch argumentiert." Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Wann kriegt man so eine Gelegenheit. Das läßt keinen Verteidiger kalt. Das ist ein eitler Beruf." Wie Journalismus? "Ja." Fast wäre Becker selber Journalist geworden.

Einen Augenblick ist Erich Honecker weit weg. Nicolas Becker erzählt von seinem Vater, Hellmut Becker, Jurist wie der Sohn und einst ein landauf, landab bekannter Kulturpolitiker. Der hat nach dem Krieg Ernst von Weizsäcker in Nürnberg verteidigt. Der Vater des heutigen Bundespräsidenten war von 1938 bis 1943 Staatssekretär im Auswärtigen Amt der Nazis gewesen und dann noch zwei Jahre Botschafter im Vatikan. Das Urteil damals: sieben Jahre Haft, später auf zwei Jahre reduziert.