Von Ulrich Schiller

Washington

Von Winston Churchill stammt der Satz: "Die Welt wurde erschaffen, um von der Jugend umworben und gewonnen zu werden." Bill Clinton, eine Generation jünger als George Bush, hat um Amerika geworben. Und er hat Amerika gewonnen. Nach dem Wahlsieg stellt sich in dramatischen Dimensionen eine Frage, die der alte Churchill nicht formuliert hatte: Wie gestaltet die Jugend die von ihr gewonnene Welt?

Bei seiner Antwort wird Bill Clinton an Maßstäben gemessen, die er im Wahlkampf selbst gesetzt hat. Er muß in Amerika innerhalb von nur drei Jahren eine Art Wirtschaftswunder schaffen – mehr Wachstum, mehr Jobs und zugleich weniger Schulden. Sonst wird die soziale und wirtschaftliche Krise den Demokraten genauso aus dem Weißen Haus vertreiben, wie sie jetzt George Bush verjagt hat.

Natürlich, mit 46 Jahren ist auch Bill Clinton nicht mehr der Inbegriff von Jugendlichkeit. Aber er ist jung, weil er über enorme geistige und phy’sische Kräfte verfügt. Das hat er nicht zuletzt in einem strapaziösen Wahlkampf bewiesen. Zugleich besitzt Clinton Willenskraft und Ausdauer. Vor etwa einem Jahr, als George Bush noch unschlagbar schien, sagten die prominenten Köpfe der Demokratischen Partei ihre Teilnahme am Rennen ums Weiße Haus kleinlaut ab, während der weithin unbekannte Gouverneur des "Hinterwäldler"-Staates Arkansas optimistisch seine Chancen kalkulierte.

Vor allem aber ist Clinton jung im Vergleich mit seinem Vorgänger George Bush, dem letzten Präsidenten, der noch als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hat. Der neue Präsident gehört zur "nächsten Generation" und also jenen Jahrgängen an, deren politisches Denken in den turbulenten sechziger Jahren geprägt wurde. Bill Clinton als der Wahlsieger von 1992 – das ist nach George Bush weit mehr als die Rückkehr eines Demokraten ins Weiße Haus. Dies ist auch die erste amerikanische Präsidentschaft ohne Kalten Krieg und nukleare Bedrohung.

Bill Clinton, Geburtsjahrgang 1946, ist ein baby-boomer, ein Kind aus Amerikas so stolzen wie kinderreichen Nachkriegsjahren. Zwar blieb ihm die äußerlich angenehme Zwangsjacke der suburban culture, jenes Lebensstils in den neuen Vorstädten mit dem Mythos eines patriarchalischen Familienglücks, erspart; statt dessen aber mußte er das Ungemach einer zerrütteten Familie erleben. Der Vater starb, ehe Bill überhaupt geboren wurde. Die ersten Lebensjahre verbrachte er bei den Großeltern, Wand an Wand mit der Armut der Schwarzen in der Apartheid des amerikanischen Südens, dann nahm ihn die neu verheiratete Mutter zu sich. Bill liebte seinen ersten Stiefvater – er sollte insgesamt drei bekommen – und nahm auch dessen Namen Clinton an, obwohl der Stiefvater Alkoholiker war und die Mutter häufig schlug. Dann warf sich der Junge dazwischen, wollte vermitteln, den Familienfrieden retten – bisweilen sogar mit Erfolg.