Von Meinhard Miegel

So kann das mit Geschenken gehen, vor allem wenn sie groß und kostbar sind. Erst ist die Freude riesig, dann werden sie lästig, schließlich zur Last, und immer drängender wird die Frage: Wohin mit ihnen?

Die deutsche Einheit scheint ein solches Geschenk zu sein. Drei Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Deutschen über ihre Vereinigung besorgt, sind viele enttäuscht und manche verbittert. Doch wohin mit der geschenkten Einheit?

Immer wieder darauf zu verweisen, sie hätte im ersten Überschwang der Gefühle kraft Gesetzes in den Herzen aller und in den Geldbeuteln der Westdeutschen verankert werden müssen, ist müßig. Nicht nur, weil diese Gelegenheit verstrichen ist. Noch wichtiger ist, daß sich Gefühle nicht binden lassen, auch nicht durch Gesetz. Sind sie erst einmal verflogen, helfen nur noch Vernunftgründe weiter, oder es heißt, sich zu trennen.

Die überwältigende Mehrheit der Deutschen will sich nicht trennen – warum auch immer. Also helfen nur Vernunftgründe weiter. Was aber ist vernünftig? Vernünftig ist, das Beste aus einer Sache zu machen, die nicht zu ändern ist, und sei es, weil niemand sie ändern will. Die deutsche Einheit ist eine solche Sache. Also gilt es, das Beste aus ihr zu machen. Was aber ist das Beste?

Das Beste ist, wenn beide Seiten zu ihrem Wort stehen. An dem ist nicht zu deuteln. Die Ostdeutschen – die meisten jedenfalls – haben jahrzehntelang zu erkennen gegeben, daß sie so leben wollten wie die Westdeutschen, und dieses Wollen mit ihrem Beitritt zur Bundesrepublik besiegelt. Zwar dürften sie nicht so genau gewußt haben, was sie da wollten. Doch daß sie sich grundlegend geirrt hätten, dafür gibt es weder Anhaltspunkte, noch wird dies heute von ihnen geltend gemacht.

Umgekehrt haben die Westdeutschen stets versprochen, die Ostdeutschen sollten so leben können wie sie selbst, wenn Deutschland wieder eins geworden sei. Als Unterpfand dieses Versprechens schickten sie nicht nur Hunderte von Millionen "Geschenksendungen – keine Handelsware", zahlten Begrüßungsgelder und gewährten schon einmal einen Milliardenkredit, sondern stellten auch – kaum daß sich die Mauer geöffnet hatte – binnen kurzem blühende Landschaften in Aussicht. Mag sein, daß sie das alles nicht immer ganz ernst meinten. Aber das konnten die Ostdeutschen nicht wissen. Sie durften sich auf das Wort der Westdeutschen verlassen.