Von Warnfried Dettling

Anzuzeigen ist ein wichtiges Buch zur rechten Zeit, vermutlich eines der wichtigsten politischen Bücher des Jahres 1992. Es könnte nicht nur dazu beitragen, die Debatte über Ausländer und Asylanten endlich zu entdramatisieren und in produktive Bahnen zu lenken, sondern es thematisiert darüber hinaus Probleme und Entwicklungen der politischen und sozialen Existenz (nicht nur) der Deutschen am Ende des 20. Jahrhunderts, und indem es dies auf ebenso eindringliche wie gelassene Art und Weise tut, wird klar, daß gegenwärtig nichts weniger ansteht als eine (Selbst-)Verständigung der Deutschen über ihre politische und geistige "Verfassung" nach innen und nach außen. Die Autoren haben ein aktuelles, aber auch ein grundsätzliches Buch geschrieben, eine politische Streitschrift und einen Beitrag zur Theorie der (multikulturellen) Demokratie.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, so die These der Autoren, und wird es bleiben, was auch immer politisch entschieden werden mag. Diese Einwanderung hat den Deutschen nicht geschadet, sondern genutzt: "Wer Deutschland für die Deutschen reservieren will, schadet auch den Deutschen."

Thomas Schmid und Daniel Cohn-Bendit plädieren dafür, diesen Sachverhalt mit seinen Chancen und Problemen zum Ausgangspunkt für eine gestaltende Politik zu nehmen. Kenntnisreich und leidenschaftlich, aber ohne sterile Aufgeregtheit argumentieren sie gegen jene falsche (und gefährliche) Alternative, die da gegenwärtig den politischen Streit lähmt: gegen jene also, die Deutschland als Einwanderungsland tabuisieren ("Deutschland den Deutschen"), wie gegen jene, die nur für offene Grenzen und einen ungehinderten Zuzug plädieren. Denn: "Auch wer die Probleme und Konflikte leugnet, dementiert die Wirklichkeit."

"Heimat Babylon": Der Titel verweist nicht nur auf die Fremden, die von außen zu uns kommen, sondern auch auf das Fremde, das aus unserer Mitte kommt, aus den Folgen und Widersprüchen einer modernen Gesellschaft, in der sich die Menschen und ihre Lebenswelten immer fremder werden, die den Menschen mehr Freiheit, aber auch weniger Geborgenheit und auch weniger Heimat bringt.

Homeless mind – auf diesen Begriff hat der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger schon vor Jahren dieses Unbehagen in und an der Modernität gebracht. "Heimat Babylon", so antworten jetzt, provozierend, aber treffend, die beiden Autoren. Jede Moderne ist, was den Wertehorizont und die Alltagswelten angeht, in einem sehr konkreten Sinne eine multikulturelle und als solche immer auch eine heimatlose Gesellschaft, in der die Menschen in vielen Zungen reden.

Und doch: Die Sehnsucht auch des modernen Menschen nach Heimat, nach der Übersichtlichkeit des Vertrauten, bleibt – und sie ist natürlich und legitim. Und diese Sehnsucht mag sich, und dafür gibt es Zeichen nicht nur in Deutschland, negativ-regressiv entladen, denn "da man so komplexe Prozesse wie Industrialisierung, Bürokratisierung und Wertewandel nicht zur Rechenschaft ziehen kann, ist es für viele verlockend, die Fremden aus Fleisch und Blut zur Rechenschaft ziehen zu wollen".