Von Peter Bender

Warum sie sich nicht eng zusammenschlössen, die Esten, Letten und Litauer, und gemeinsam versuchten, ihre inneren und äußeren Nöte zu bewältigen – so fragen nicht nur Deutsche, sondern viele aus dem Westen, die das Baltikum besuchen.

Warum sie den Russen in ihren Ländern nicht Gleichberechtigung gewährten – so geht die nächste Frage. Und die dritte, die fast immer wiederkehrt, lautet: Warum sie ihrem übermächtigen Nachbarn Rußland nicht ein Stück entgegenkämen und einen dauerhaften Ausgleich mit ihm suchten. Die Paradoxie dieser Mahnungen liegt darin, daß sie ebenso berechtigt sind wie unbedacht. Die Kritik trifft meist den Sachverhalt, verfehlt aber die Seelenlage dreier Nationen, die nach einem halben Jahrhundert Fremdherrschaft und Fremdbestimmung noch ganz damit beschäftigt sind, zu sich selbst zu kommen.

Was für den Westeuropäer "die Balten" sind, einige Völkerschaften am Ostrand der Ostsee mit gleichem Schicksal, das sind in Wahrheit drei Nationen, die sich kaum weniger unterscheiden als Spanier, Franzosen und Deutsche.

Estland bleibt von Lettland und Litauen durch eine Sprache getrennt, die sonst nur noch in Finnland und, sehr entfernt, in Ungarn vorkommt. Die sprachliche Nähe zu den Finnen ermöglichte den Esten, das Fernsehen aus Helsinki zu verstehen, und schon seit Jahrzehnten waren sie besser informiert, als alle anderen Völker der Sowjetunion es sein konnten. Nicht zuletzt damit hängt wohl zusammen, daß Estland auf dem Wege zur "Verwestlichung" den beiden anderen voraus ist.

Litauen unterscheidet sich konfessionell und historisch von Lettland und Estland. Es ist katholisch, die anderen sind evangelisch. Die Litauer hatten im Spätmittelalter einen großen Staat und wuchsen dann in Gemeinschaft mit Polen zu einer europäischen Macht, Letten und Esten bekamen erstmals 1918 einen eigenen Staat. Litauen ist polnisch geprägt, Estland und Lettland zeigen bis heute die Spuren der sieben Jahrhunderte deutscher Herrschaft. Vilnius ist eine Barockstadt, Riga und Reval/Tallinn sind Hansestädte mit der gleichen Backsteingotik wie in Lübeck, Rostock oder Stralsund.

In dem Zwiespalt, ob Hitler oder Stalin schlimmer wäre, befanden sich die drei baltischen Nationen gleichermaßen, aber die deutschen Bemühungen, sie zum Kampf gegen die Sowjetunion zu mobilisieren, hatten erst spät und dann nur in Estland und Lettland einigen Erfolg. Die litauischen Partisanen widersetzten sich zuerst der deutschen und dann der sowjetischen Unterdrückung; die letzten gaben erst 1956 auf, als sie sahen, daß der Westen auch den Aufstand der Ungarn nicht unterstützte.