Zu den Unterschieden kommen die Rivalitäten. Jeder möchte der erste sein – bei der Befreiung von Moskau, beim Abzug der russischen Truppen, bei Reformen und Wahlen und bei der Beachtung im Westen. Anlaß zum Streit gibt auch Riga, es liegt zentral, ist die einzige Großstadt und würde zum Mittelpunkt einer Gemeinschaft der drei. Wer sich, wie das Goethe-Institut und der British Council, nur eine Vertretung im Baltikum leisten kann, geht nach Riga; in Tallinn und Vilnius wachsen die Ressentiments gegen die "Diva" an der Düna.

Derlei Eifersüchteleien gibt es auch in Westeuropa, doch im Osten haben sie ein anderes Gewicht, weil dort Nation und nationales Ansehen beinahe alles ist, was man hat; sie müssen ersetzen, was im Westen Wohlstand und Weitläufigkeit leisten. Wer sich gerade unter Gefahren aus einer Zwangsgemeinschaft befreit hat, scheut erst einmal jede Form von Gemeinschaft, bis er sich seiner selbst sicher geworden ist.

Die Empfehlung für einen engen Zusammenschluß der drei Baltenstaaten ist nicht falsch, kommt aber zu früh. Sogar der Anschluß an die Europäische Gemeinschaft wird zwar in allen drei Hauptstädten dringend gewünscht, aber von manchen auch mit geheimer Sorge betrachtet: Werden wir unsere Identität als Nation verlieren, bevor wir sie überhaupt wieder erworben haben? Wenn schon die Dänen sich vor Maastricht fürchten, haben die Balten dann nicht um so mehr Grund dazu?

Auch der Umgang mit den Russen und mit Rußland erklärt sich aus der jüngsten Geschichte. Die Russen im Baltikum sind nicht eine nationale Minderheit wie die Türken in Deutschland, sie waren fünf Jahrzehnte lang das Herrenvolk. Jedermann mußte ihre Sprache sprechen, ihren Statthaltern gehorchen und sich ihrem System fügen; die einheimische Elite war deportiert und dezimiert worden. Die Baltenländer wurden nicht Satellitenländer wie Polen oder die DDR, die noch einen eigenen Staat behielten, sie wurden Sowjetrepubliken, und das bedeutete weit mehr an gewaltsamer Einebnung nationaler Eigenständigkeit.

Noch bedrohlicher war, daß Moskau die Industrialisierung nutzte, um im Baltikum russische, weißrussische und ukrainische Arbeiter massenhaft anzusiedeln. In Litauen hatten sie damit wenig Erfolg, dort gab es genügend eigene Arbeitskräfte, noch heute sind 80 Prozent des Staatsvolks Litauer. Anders in Estland, wo die Esten 1940 noch 94 Prozent der Bevölkerung stellten; 1989 waren sie nur noch 61 Prozent. Am schlimmsten geht es den Letten: 1945 hatten sie eine solide Mehrheit von 83 Prozent, jetzt haben sie nur noch gut 50 Prozent und sind in Gefahr, zur Minderheit im eigenen Lande zu werden. In ihrer Hauptstadt sind sie es schon: Nicht einmal mehr ein Drittel, genau 29 Prozent, der Einwohner Rigas sind Letten.

So schlägt das Pendel nun zurück. Die vierzigjährige Zugehörigkeit zur Sowjetunion gilt als Ockupation, die russischen Truppen als Okkupationstruppen, der Rubel als "Okkupations-Rubel", die russische Sprache, die jedermann beherrscht, als Fremdsprache und russische Kultur als fremde Kultur. "Rußland gehört nicht zu Europa", erklärte ein estnischer Journalist mit ausführlicher historischer, literarischer und religiöser Begründung.

Da die Baltenstaaten nach ihrer Auffassung rechtlich nie zur Sowjetunion gehörten, sind sie jetzt auch nicht Mitglieder des Nachfolgeverbandes GUS. Da ihre Staaten, wie sie meinen, rechtlich nie aufhörten zu existieren, durfte in Estland nur wählen, wer schon im Okkupationsjahr 1940 estnischer Staatsbürger war oder dessen Nachkomme ist; Russen blieben damit zu vier Fünfteln ausgeschlossen. Da Russisch als die Sprache der Okkupanten gilt, ist nun allein Estnisch, Lettisch und Litauisch Staatssprache. Kyrillische Straßennamen werden in Riga übermalt und in Litauen abmontiert. Russen, die in Lettland und Estland irgendeine öffentliche Tätigkeit ausüben oder Staatsbürger werden wollen, müssen die Landessprache lernen und eine Prüfung ablegen. In Lettland wird, solange russische Truppen im Lande stehen, überhaupt kein Russe naturalisiert. Und obwohl fast jeder zweite Landesbewohner Russe ist, erscheint ein Nebeneinander zweier Kulturen als nicht akzeptabel. Zweifellos gibt es in allen drei Ländern starken Druck von rechts, und je schlechter es wirtschaftlich geht, desto mehr wächst die Neigung, nationalistischen Parolen zu folgen.