Wohl nur in Litauen, wo die russische Minderheit von etwa zwölf Prozent kein ernstes Problem ist, war der erstaunliche Wahlerfolg der Sozialisten unter dem (national bewährten) Ex-Kommunisten Brasauskas möglich. Aber auch in Vilnius wird, wie in Riga und Tallinn, selbst bei Gemäßigten und Liberalen die Stimme unerwartet hart und der Ton kompromißlos entschieden, wenn es um Grenzfragen, politische Kompromisse oder gar militärische Konzessionen gegenüber Moskau geht.

Theoretisch sehen die meisten ein, daß man sich mit dem großen Nachbarn arrangieren muß, praktisch aber scheint sich fast alle Bemühung darauf zu beschränken, die ehemaligen Sowjet truppen möglichst bald aus dem Land zu bekommen. Kaum jemand glaubt, daß Rußland für immer auf die eisfreien Ostseehäfen verzichten wird, über die es nicht erst seit Stalin verfügt, sondern seit Peter dem Großen. Aber nirgendwo werden längerfristige Überlegungen erkennbar, wie man die eigene Unabhängigkeit bewahren und zugleich die zivilen Bedürfnisse des großen Nachbarn befriedigen kann.

Westliche Beobachter sagen: nationalistische Befangenheit. Aber sie vergessen meist, daß gar nichts anderes zu erwarten war. Nach allem, was diesen drei Völkern geschah, ist vielmehr bemerkenswert, wie gemäßigt sie sich verhalten. "Ausländer raus!" ist dort kein Schlachtruf, und von Molotowcocktails auf Russenwohnungen hat man auch noch nichts gehört. Die Westeuropäer entwickelten ihr Nationalgefühl in Jahrhunderten, die ewig unterdrückten Nationen im Osten fordern nun, daß man auch ihnen etwas Zeit lasse; ganze Epochen sind nicht in drei Jahren zu überspringen.

Eine kluge Frau in Riga unterscheidet zwei Arten von Nationalismus: Der eine bleibt im Lande, der andere geht über die Grenzen. Die zweite Art ist friedensgefährdend, die erste aber zuweilen existenznotwendig. Auch vor vier oder fünf Jahren rieten westliche Politiker den Balten zu Vernunft und Vorsicht gegenüber Moskau, aber die hörten kaum hin, verhielten sich weiter ziemlich unvernünftig und unvorsichtig und gewannen ihre Unabhängigkeit, die im Westen kaum jemand für erreichbar hielt.

So kann und wird es nicht weitergehen, aber die Erfahrung dieses Erfolges sitzt tief. Und Westeuropa wird die Völker im Osten erst verstehen müssen, bevor es ihnen gute Ratschläge gibt.