Von Rolf Michaelis

Alt muß sein, wer ein so kühnes Buch zu schreiben wagt. Dabei hat Claude Simon, am 10. Oktober 1913 als Sohn eines französischen Kolonialbeamten in Tananarivo auf Madagaskar geboren, sechs Jahre geschwiegen, ehe er diese Summe seines erzählerischen Werkes veröffentlicht hat, 1981 in Paris, vier Jahre ehe er, auch für dieses Welten-Epos, den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.

Über ein Jahrzehnt mußten Leser in Deutschland warten, ehe sie das Hauptwerk eines als schwierig geltenden Erzählers in der Übersetzung von Doris Butz-Striebel und Trésy Lejoly in die Hand bekommen – vom Rowohlt Verlag. Rowohlt? Erscheint Claude Simon nicht bei Piper, in den guten Eindeutschungen des Beckett-Übersetzers Elmar Tophoven, der Proust-Übersetzerin Eva Rechel-Mertens? Nein, die Bücher des Franzosen gibt ja Luchterhand heraus, übersetzt von Helmut Scheffel. Aber kamen die letzten nicht von Suhrkamp?

Das Elend Europas, das zusammenwachsen soll, läßt sich an den ständig wechselnden Namen von Claude Simons deutschen Verlegern ablesen. Beschämend, in diesem Buch lesen zu müssen: "Die Übersetzung wurde aus Mitteln des Ministère français Charge de la culture gefördert." Muß elf Jahre nach der Veröffentlichung des Buches in Frankreich, sechs Jahre nach dem Nobelpreis, ein nicht unbedingt zu den förderungsbedürftigen Kleinverlagen zählendes Editionshaus die Hand aufhalten beim französischen Kulturminister? Armes Deutschland. Ist Frankreich besser dran? Eben kommt die Nachricht, die "Internationale Buchhandlung FNAC" in Paris hat zum 31. Oktober ihre Pforten geschlossen: "Wir sind mit diesem Projekt der Öffnung zu Europa und zur Welt zu früh gekommen."

Zu früh? Immer noch zu spät. Dank Rowohlt, daß er ein wirklich europäisches, großes Erzähl-Buch endlich auch deutschen Lesern anbietet.

Schon mit dem Titel stellt Claude Simon sich in die Tradition großer europäischer Erzähler. "Georgica" nennt der römische Dichter Vergil sein Hexameter-Epos in vier Büchern, ein so lehrhaftes wie idyllisches Epos über Acker- und Weinbau, Vieh- und Bienenzucht, das er dreißig Jahre vor Christi Geburt geschrieben hat. Der griechische Ge-org, der lateinische agri-cola, meint den Erd-Bebauer, den Land-Mann. Dem gibt Claude Simon wunderbar Stimme in den Briefen, die ein napoleonischer Offizier der Verwalterin seines Landgutes schreibt.

Da muß man nicht gleich gähnen, wenn von Ackerbau und Viehzucht die Rede ist. Schon Vergil, der als der größte Dichter des alten Rom gilt, hat den ländlich zähen Stoff mit ästhetischer Meisterschaft auf das gesamte menschliche Leben und auf die Gesellschaft projiziert, nicht nur im Blick auf den Bienenstock, den er als miniaturhaftes Vorbild jeder staatlichen Organisation preist. Hier, in Vergils "Georgica", finden wir die Warnung, die sich die Dissidenten der DDR zu Herzen genommen haben: Der Untergang des alten, bäuerlich-ländlichen Rom begann für Vergil, als "die gebogenen Sicheln zu furchtbaren Schwertern geschmiedet" wurden.