Entpuppt und beflügelt – Seite 1

Von René Ammann

Fruchtfliegen benötigen für ihre Entwicklung nur ein paar Wochen, Blattwanzen ein paar Monate. Die Entfaltung der wissenschaftlichen Zeichnerin Cornelia Hesse-Honegger, die die winzigen Fruchtfliegen ebenso schätzt wie die trägen Blattwanzen, dauerte zwanzig Jahre. Nach ihrer Ausbildung zur Zeichnerin zog sie erst einmal hinaus aus der Stadt Zürich in ein Holzhaus nach Gockhausen, einem Dorf im grünen Gürtel hinterm Zürichberg. Dort lebte sie mit Ehemann und zwei Söhnen, legte Mostbirnen auf den Dörrfix, pflanzte Karotten und backte Körnerbrot. Waren Ehemann und Kinder außer Haus, griff Cornelia Hesse zum haarfeinen Pinsel und malte in ihrem kleinen Atelier Insekten. Es war ihr Jahrzehnt als grüne Witwe.

In den siebziger Jahren, als ihre Freundinnen zum Nachmittagstee vorbeischauten, nervös am Deux-pièces zupften und freundlich herablassend fragten: "Ach, du malst immer noch diese Käferchen?!", hat sie nicht ahnen können, daß ihre "Käferchen" einmal Couturiers wie Yves Saint Laurent und Jil Sander als Vorlage für Seidenstoffe dienen würden. Die Hausfrau Hesse machte, ihrer Einschätzung nach, "nichts von Bedeutung". Sie wollte ihr Leben lange Zeit nicht selbst in die Hände nehmen: "Ich habe zugeschaut, weil ich keinen Mut hatte. Und im übrigen hat sich niemand für meine Arbeit interessiert."

Um so mehr interessiert sie sich für die Vorgänge rund um ihr Haus. Sie bemerkt, wie die Zahl der Blattwanzen, die sie an Waldrändern und Wiesen von den Blättern klopft, um sie zu bestimmen und zu aquarellieren, zusehends abnimmt. Sie zeichnet alle Fliegen, deren sie in Gockhausen habhaft werden kann – über achtzig Arten. Sie findet Zeit, "über merkwürdige Dinge nachzudenken" und ihre Umgebung zu studieren. Diese Strategie hatte sich in ihrer Jugend bewährt. Die Eltern, die Malerin Warja Lavater und der Maler und Skulpteur Gottfried Honegger, hatten häufig Besuch von berühmten Leuten, Max Frisch etwa oder der amerikanische Maler Sam Francis – für Cornelia äußerst spannende Anschauungsobjekte.

Als sie zehn Jahre alt war, 1954, sagte ihr Vater: "Langsam solltest du wissen, was du willst." Mit zwölf wollte sie dann "etwas mit Zeichnen" lernen, aber nicht im Werbegraphikatelier, das ihre Eltern zu jener Zeit führten. Schließlich erlernte sie den Beruf der naturwissenschaftlichen Zeichnerin.

Für Professoren und Doktoren malt sie Giftfische und Taufliegen. Die Arbeit erfordert Hartnäckigkeit, Konzentration, Pingeligkeit. Ein Insekt beispielsweise wird aufgespießt unter die Binokularlupe gelegt. Punkt für Punkt, Bein für Bein, Fühler und Flügel, alles muß präzise plaziert und in der richtigen, jedesmal neu gemischten Farbe übertragen werden.

Drei bis vier Wochen dauert es, bis die Präzisionsfanatikerin Hesse eine Wanze kunstvoll auf dem Aquarellpapier eingefangen hat.

Entpuppt und beflügelt – Seite 2

In ihren Anfängen sieht sich Cornelia Hesse als "Magd der Wissenschaft" und bleibt dies auch, als sie heiratet und nach Gockhausen zieht. Das erste Kind kam: "Ich wurde zur vollbusigen Madre, jätete Unkraut im Garten, ging mit unserer Appenzeller Straßenmischung spazieren und glaubte an die neue Mütterlichkeit."

Eines Tages ist die Diskrepanz zwischen Wollen und Haben nicht mehr zu überbrücken. Cornelia Hesse verläßt Ehemann und Vorstadtidylle und läßt sich mit ihren zwei Söhnen in der Stadt Zürich nieder. Sie weiß nicht, wie sie Arbeit finden soll, denn sie hatte immer nur für interne Publikationen der Universität Zürich gezeichnet.

Anstelle der Gockhausener Wanzen beginnt sie, Tiere und Pflanzen zu malen, die bereits von Menschenhand verändert worden sind: radioaktiv bestrahlte, mißgebildete Stubenfliegen aus einem Uni-Labor. "Wie kannst du für so etwas Scheußliches so viel Zeit aufwenden?" sagen nun ihre Bekannten.

1986 kommt es zur Katastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Die Umwelt wird mit Radioaktivität verseucht. Das ist der Anstoß für Cornelia Hesse, in der freien Natur nach mißgebildeten Tieren und Pflanzen zu suchen. "Ich war keine Atomkraftgegnerin", sagt sie, "das war gar keine Frage. Aber nach Tschernobyl bin ich es geworden."

Sie reist in Gebiete, in denen eine erhöhte Radioaktivität gemessen wurde. Sie sammelt Wanzen und andere Insekten in der Nähe von Schweizer Atomkraftwerken. Ihre schaurig-schönen Zeichnungen werden im Tages-Anzeiger-Magazin veröffentlicht: Fliegen mit verklumpten Flügeln und verformten Hinterleibern, verkürzten Fühlern und Füßen; Wanzen mit unförmigen Flügeln und kleinen Blasen auf dem Chitinpanzer.

Ihr Verdacht, daß auch die als unbedenklich erachtete, niedrige radioaktive Strahlung Veränderungen hervorrufen kann, löst eine Flut von Leserbriefen aus und einen Streit zwischen Atomkraftwerksbefürwortern und -gegnern. Wochenlang ist Cornelia Hesse von der Kontroverse gefangen. "Ich war immer ein nettes, bescheidenes Mädchen, bis ich mit der Kunst aneckte", sagt sie heute.

Als das Geld knapp wird, hat die Zürcher Modeschöpferin Eri Szekely eine Idee: "Du solltest Stoffe entwerfen." Zu zweit präsentieren sie die Zeichnungen der jungen Zürcher Seidenfirma Fabric Frontline. Fabric druckt sogleich drei Sujets: den Exotenvogel Kasuar, einen Scherenschnitt mit Tiersilhouetten und eine Kollektion aller heimischen Marienkäferarten. Der Kasuar kommt als erster aus der Produktion. "Als ich ihn sah, fiel ich beinahe auf den Hintern. Er war so schön, und er hat mir Hoffnung gegeben, daß ich von meiner Arbeit leben kann."

Entpuppt und beflügelt – Seite 3

Kaum waren die Seidentücher auf dem Markt, kaufte Yves Saint Laurent die Dessins und schneiderte mit den Schweizer Marienkäfern ein Gilet für den Popstar Elton John. Die St. Galler Modefirma Akris bestellte Stiefmütterchen und Frühlingsblättchen von zwanzig Baumsorten, die Hamburger Designerin Jil Sander erwarb für ihre Frühlingskollektion 1992 eine Mixtur aus Nacktschnecken, Seesternen und Korallen.

Nun läuft alles rund, die Künstlerin Hesse, entpuppt und beflügelt, könnte sich zurücklehnen. Statt dessen reist sie nun als Einzelkämpferin auf eigene Kosten an die AKW-Unfallstätten Sellafield in England und Three Miles Island in den USA, sammelt Wanzen und berichtet aus Tschernobyl, daß das Betondach, das die radioaktive Strahlung aus dem Unfallreaktor eindämmen sollte, rutscht.

Von den Schweizer AKW-Betreibern verlangt sie, daß sie Art und Menge des radioaktiven Materials, der Strahlendosis und der in den Kernkraftwerken verwendeten Pflanzengifte offen deklarieren: "Ich bin der Meinung, die Wirkung von künstlicher Radioaktivität wird unterschätzt, sogar von Seiten der AKW-Gegner." Sie unterstützt Bestrebungen, den Atommüll überirdisch zu lagern: "Nur nicht verscharren, sonst wird er vergessen." Und dann würde Cornelia Hesse gerne wissen, weshalb so vielen ihrer geliebten Wanzen in AKW-Nähe die Fühler abfallen: "Die Wanzen stehen am Anfang der Nahrungskette, sie nehmen gestrahlte Pflanzenteile auf. Was wissen wir schon über die Schäden und ihre Folgen?"

Nebenbei hat sie den Anstoß gegeben, die Herstellung von Reisetaschen, Sportsäcken und Handtäschchen mit ihren Dessins so umweltschonend wie möglich zu gestalten. Die Schweizer Warenhauskette Globus ließ auf ihren Wunsch hin Rohstoffe und Verarbeitungsmethoden prüfen. Das Resultat: "Alles aus dem Umweltverträglichsten, was zur Zeit greifbar war" – unter dem Label Cornelia Hesse-Honegger Exclusive Globus. Die Zeichnungen: Schmetterling, Libelle, Frosch, Käfer, Schnecke. Und selbstverständlich eine Wanze, als stilles Mahnmal für den Zustand unserer Natur.

Damit nicht genug. Bei der Hausfrau Hesse aus Gockhausen wurde kürzlich angefragt, ob sie eine Dozentur an einer deutschen Universität übernehmen würde. Wenn alles klappt, wird sie im Wintersemester Mainzer Studenten im naturwissenschaftlichen Zeichnen unterrichten.