In ihren Anfängen sieht sich Cornelia Hesse als "Magd der Wissenschaft" und bleibt dies auch, als sie heiratet und nach Gockhausen zieht. Das erste Kind kam: "Ich wurde zur vollbusigen Madre, jätete Unkraut im Garten, ging mit unserer Appenzeller Straßenmischung spazieren und glaubte an die neue Mütterlichkeit."

Eines Tages ist die Diskrepanz zwischen Wollen und Haben nicht mehr zu überbrücken. Cornelia Hesse verläßt Ehemann und Vorstadtidylle und läßt sich mit ihren zwei Söhnen in der Stadt Zürich nieder. Sie weiß nicht, wie sie Arbeit finden soll, denn sie hatte immer nur für interne Publikationen der Universität Zürich gezeichnet.

Anstelle der Gockhausener Wanzen beginnt sie, Tiere und Pflanzen zu malen, die bereits von Menschenhand verändert worden sind: radioaktiv bestrahlte, mißgebildete Stubenfliegen aus einem Uni-Labor. "Wie kannst du für so etwas Scheußliches so viel Zeit aufwenden?" sagen nun ihre Bekannten.

1986 kommt es zur Katastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Die Umwelt wird mit Radioaktivität verseucht. Das ist der Anstoß für Cornelia Hesse, in der freien Natur nach mißgebildeten Tieren und Pflanzen zu suchen. "Ich war keine Atomkraftgegnerin", sagt sie, "das war gar keine Frage. Aber nach Tschernobyl bin ich es geworden."

Sie reist in Gebiete, in denen eine erhöhte Radioaktivität gemessen wurde. Sie sammelt Wanzen und andere Insekten in der Nähe von Schweizer Atomkraftwerken. Ihre schaurig-schönen Zeichnungen werden im Tages-Anzeiger-Magazin veröffentlicht: Fliegen mit verklumpten Flügeln und verformten Hinterleibern, verkürzten Fühlern und Füßen; Wanzen mit unförmigen Flügeln und kleinen Blasen auf dem Chitinpanzer.

Ihr Verdacht, daß auch die als unbedenklich erachtete, niedrige radioaktive Strahlung Veränderungen hervorrufen kann, löst eine Flut von Leserbriefen aus und einen Streit zwischen Atomkraftwerksbefürwortern und -gegnern. Wochenlang ist Cornelia Hesse von der Kontroverse gefangen. "Ich war immer ein nettes, bescheidenes Mädchen, bis ich mit der Kunst aneckte", sagt sie heute.

Als das Geld knapp wird, hat die Zürcher Modeschöpferin Eri Szekely eine Idee: "Du solltest Stoffe entwerfen." Zu zweit präsentieren sie die Zeichnungen der jungen Zürcher Seidenfirma Fabric Frontline. Fabric druckt sogleich drei Sujets: den Exotenvogel Kasuar, einen Scherenschnitt mit Tiersilhouetten und eine Kollektion aller heimischen Marienkäferarten. Der Kasuar kommt als erster aus der Produktion. "Als ich ihn sah, fiel ich beinahe auf den Hintern. Er war so schön, und er hat mir Hoffnung gegeben, daß ich von meiner Arbeit leben kann."