Von Heinz-Günter Kemmer

Die Vision ist erschreckend: Wenn irgendwann in der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts der deutsche Steinkohlebergbau endgültig zu Grabe getragen wird, winkt den Aktionären der über Jahrzehnte hinweg von Steuerzahlern und Stromverbrauchern alimentierten Ruhrkohle AG das große Geschäft. Vor allem die beiden Konzerne Veba und VEW, die zusammen knapp zwei Drittel des Kapitals halten, könnten sich die Hände reiben.

Der Fall würde eintreten, wenn sich der Vorstand des Zechenunternehmens mit seinen Vorstellungen über eine Neuordnung durchsetzt. Der will nämlich eine Ruhrkohle-Beteiligungs GmbH gründen, in der alle Aktivitäten außerhalb des Bergbaus zusammengefaßt werden sollen. Dagegen wäre im Prinzip nichts einzuwenden, wenn es denn nur um eine organisatorische Neuordnung ginge. Aber der Ruhrkohle-Vorstand will mehr. Von den Gewinnen der Beteiligungsgesellschaften soll nämlich künftig ein beachtlicher Teil im Unternehmen verbleiben und für einen systematischen Ausbau genutzt werden.

Derzeit sieht das alles noch ganz anders aus. Weil die Ruhrkohle trotz Kokskohlenbeihilfe und Kohlepfennig nicht immer eine ausgeglichene Gewinn-und-Verlust-Rechnung vorlegen kann, muß Bonn von Fall zu Fall mit zusätzlichen Subventionen einspringen. Und da erwartet das Bundeswirtschaftsministerium eben, daß die Ruhrkohle zunächst einmal ihre Beteiligungserträge zur Minderung der Verluste einsetzt.

Dabei geht es keineswegs um kleine Summen. Allein eine indirekte Beteiligung an der lukrativen Essener Ruhrgas AG ist für mindestens achtzig Millionen Mark im Jahr gut, und 1991 haben alle Beteiligungsgesellschaften der Ruhrkohle zusammen 240 Millionen Mark in die Kasse der Mutter gezahlt – kein Pappenstiel also.

Daß der Ruhrkohle-Vorstand dieses schöne Sümmchen vor dem Fiskus in Sicherheit bringen möchte, ist verständlich. Aber dem steht das Interesse des Steuerzahlers gegenüber, der für den Bergbau nicht mehr als unbedingt nötig berappen möchte. Und die Bonner Kassenlage spricht auch nicht gerade für einen großzügigen Bescheid auf die Essener Wünsche. Aber da hat sich Ruhrkohle-Chef Heinz Horn natürlich etwas einfallen lassen. Sein Unternehmen sei ja, so sein Argument, von der Politik geradezu aufgefordert worden, zur Strukturverbesserung im Ruhrgebiet beizutragen; und dazu wolle man mit der Verstärkung des Beteiligungsbereichs einen Beitrag leisten.

Im Ubereifer schoß Horn dabei freilich ein klassisches Selbsttor. Denn in der Pressemitteilung, mit der die neuen Pläne verkündet wurden, wies die Ruhrkohle voller Stolz auf die Erfolge in der Vergangenheit hin: Anfang der siebziger Jahre habe der Anteil der Aktivitäten außerhalb des Bergbaus erst zwei Prozent vom Umsatz ausgemacht, inzwischen sei er auf 36 Prozent gestiegen.