Vor gut zwei Jahren hatte sich Mercedes-Chef Werner Niefer noch als Vorbote des Aufschwungs im deutschen Osten feiern lassen. Mit dem Bau einer neuen Lkw-Fabrik in Ahrensdorf bei Berlin wollte sein Unternehmen "ein Zeichen setzen". Jetzt setzt der hemdsärmelige Automobilbauer wieder ein Signal. Denn eines ist sicher: Hiobsbotschaften wie der Rückzieher von Mercedes-Benz in Brandenburg werden sich in den kommenden Monaten häufen. Zahlreiche Großinvestoren überdenken derzeit ihre in der Hochkonjunktur geschmiedeten Pläne. Krupp hat sich bereits vom geplanten Engagement bei Eko Stahl in Eisenhüttenstadt verabschiedet. Und aus der Papierfabrik, die die Weisenbacher Holtzmann AG in Bitterfeld hochziehen wollte, wird ebenfalls nichts.

Die Bundesregierung muß sich darüber im klaren sein: Die Konjunkturschwäche im Westen schlägt jetzt erbarmungslos auf den Osten durch. Dagegen hilft auch nicht die Subventionsgießkanne, mit der die Regierung so großzügig in Ostdeutschland hantiert. Für Unternehmen, die nicht einmal ihre Stammwerke auslasten können, macht nun einmal der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten jenseits der Elbe wenig Sinn. Ob Mercedes, Krupp oder Holtzmann – sie alle machen massive Absatzprobleme für das Scheitern ihrer Investionsprojekte in der Ex-DDR verantwortlich.

Sollte das Beispiel Mercedes Schule machen, so käme das einer wirtschaftlichen Katastrophe für die neuen Bundesländer gleich. Schon heute steht die ostdeutsche Krisenökonomie an der Schwelle zur Deindustrialisierung. Der Abstand in der Kapitalausstattung hat sich weiter zuungunsten Ostdeutschlands vergrößert – von einer Aufholjagd kann wirklich keine Rede sein. Daran ändert auch nichts, daß die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute eine deutliche Belebung der Investitionstätigkeit vorhersagen; angesichts der sich zuspitzenden Konjunkturkrise wird die Rechnung kaum aufgehen.

Besonders fatal ist das Aus milliardenschwerer Großprojekte in Ahrensdorf oder Bitterfeld. Denn an ihnen hängen weitere Arbeitsplätze in der mittelständischen Zulieferindustrie. Nicht umsonst befürchtet die brandenburgische Landesregierung, daß jetzt viele Zulieferer abspringen könnten, die Mercedes-Benz nach Ahrensburg folgen wollten. Der vielbeschworene Mittelstand kann eben nicht ohne leistungskräftige Großindustrie existieren. Die Bundesregierung und ihre Treuhandanstalt weigern sich dennoch standhaft, endlich eine gezielte Industriepolitik in Ostdeutschland zu verfolgen. neu