Unter all den Geschichten aus dem Buch der Bücher hat die Erzählung von der Arche Noah den unleugbaren Vorzug, daß sie trotz äußerster dramatischer Zuspitzung gut ausging. Vielleicht wurde sie deshalb so gern und häufig illustriert. Meine beiden Lieblingsbilder: Bei dem einen handelt es sich um eine Zeichnung von Chas Addams, bei der ich heulen könnte, sooft ich sie anschaue. Es gießt wie aus Kübeln, am Horizont entschwindet die Arche, und auf dem Gipfel eines Berges, der noch – gerade noch – aus den Fluten herausragt, stehen, verlassen und fassungslos, Herr und Frau Einhorn.

Das andere ist eine Kinderzeichnung im Format DIN A2, angefertigt vor fünfzehn Jahren, damals, als unsere Oma aus dem Westen eine Dutzendpackung Breitmaler mitgebracht hatte. Sem und Ham sind auf dem überdachten Oberdeck mit dem In-Schach-Halten der Tiere beschäftigt (Elefant, Giraffe, Strauß, Braunbär), wobei sie ihren Herzen mit Hilfe von Sprechblasen Luft machen („Ferdamte Viecher Bande“), während Japhet einen flüchtigen Waschbären über eine halsbrecherische Leiter scheucht („Los rauf mit dier“). Vater Noah, am Ruder, ist dagegen am Frohlocken und schwenkt ein blaugelbes Fähnchen (schwedisch?!): „Endlich hat der Rägen aufgehört.“ Jetzt müssen sich diese beiden Blätter den Platz an der Spitze meiner Sintflutbilder-Hitliste mit dem Buch von Wilkoń/Wilkoń teilen; Text von Sohn Pjotr und Bilder von Vater Józef.

Wie denn, was denn – noch ein Arche-Noah-Buch zu den unzähligen, die es schon gibt und die sich, eben weil die Begebenheit so attraktiv zu malen ist (exotische Tierstudien! bewegte Seestücke!), von Jahr zu Jahr um weitere Exemplare vermehren? Ja und nein. Natürlich handelt es sich auch hier um die sattsam bekannte Geschichte, nichts Wesentliches ist dazuerfunden, nichts weggelassen worden. Was bei der Wilkorischen Fassung jedoch frappiert, sind imaginäre Bildunterschriften, die sich wie von selbst im Kopf des Betrachters einstellen; lapidar und eindringlich wie die Zwischentitel bei Stummfilmen, die über das bloße Illustrieren einzelner Handlungssequenzen hinaus kunstvoll Stimmung erzeugen.

Ohne sich durch eine Rahmenhandlung im Heute anzubiedern, geht es los, fährt der Blitz in Noahs weißgekalkte Hütte, vorerst nur der Blitz eines Warntraums, doch außer Warnung auch Auftrag „von oben“. Eine Transportkarawane – alle Tiere helfen mit beim Bau der Arche – vermittelt unter noch strahlend blauem Himmel Optimismus und Sorglosigkeit. Als die ersten Tropfen fallen, schlägt die Stimmung jählings um. Panik breitet sich aus, noch ist der rettende Kasten nicht seetüchtig. Finsternis erschwert das Sortieren. Nur zwei von jeder Art sollen mitgenommen werden; eine harte Entscheidung, denn schließlich haben viel mehr beim Bau des Überlebensschiffes geholfen. Dann das Chaos; die Wasser von oben und die von unten werden eins, und im Innern der Arche herrschen Angst, Hysterie und Meuterei.

Die vier Schlußbilder, nach glücklichem Stranden, könnten Untertitel tragen wie „Noahs Jubel“ (er schwebt, vom Elefantenrüssel hochgehoben, über den Geretteten), „Die große Zählung“ (Noahs Verblüffung über eine Robbe, die plötzlich aus dem Meer auftaucht und mitfeiern will), „Der Run zum Regenbogen“ und „Auftrag ausgeführt“ (der erschöpfte Uralte, endlich allein, die Stille genießend).

Wer seinen Kindern photorealistische Nashörner, Tiger oder Flußpferde vorführen will, sollte lieber zu einem Naturkundebuch greifen. Wer ihnen aber die Geschichte einer sensationellen Überlebensaktion bieten möchte, kommt voll auf seine Kosten. Und wird vielleicht Zeichnungen ernten, die fünfzehn Jahre später wie eine Zeitmaschine wirken. Karla Schneider

  • Pjotr und Józef Wilkoń:

Die Arche Noah

Aus dem Polnischen von

Ulrike Herbst-Rosocha; Nord-Süd Verlag,

Hamburg 1992; 32 S., 22,80 DM