Von Tasso Enzweiler

Wilbur R. Taylor hat es geschafft. Der Manager einer amerikanischen Hotelgruppe verdient eine sechsstellige Summe im Jahr und wohnt in einem schmucken Einfamilienhaus. Vor seinem Haus parken ein großer Mercedes und ein Cabrio; ein neues Heim am Ufer eines Sees nahe Atlanta entsteht gerade. "Dies ist die großartigste Stadt der Vereinigten Staaten", sagt Taylor. "Ein Ort, an dem jeder, der hart arbeitet, gut leben kann."

Für Taylor hat sich die Verheißung amerikanischen Wohlstands erfüllt. Der erfolgreiche Manager ist durchaus typisch für Atlanta, das boom area im Süden der Vereinigten Staaten, vom Wirtschaftsmagazin Fortune kürzlich zur Nummer eins aller Wirtschaftsmetropolen in den USA gekürt. Atlanta ist der Geburtsort von Martin Luther King, die Heimat von Coca-Cola, und hier entstand der Roman "Vom Winde verweht". Das einst verschlafene Provinznest wuchs innerhalb von nur zwanzig Jahren zu einer Stadt der Wolkenkratzer und Glastürme empor; die Metropole ist Sitz von über vierhundert der fünfhundert größten US-Unternehmen und wird 1996 die Olympischen Spiele ausrichten.

Die Erfolgsliste ließe sich fortsetzen, doch es gibt noch ein anderes Atlanta: Die Stadt zählt zu den zehn ärmsten der USA und ist ein Musterbeispiel für die ökonomische Entwicklung in den Vereinigten Staaten während der achtziger und neunziger Jahre, als sich Amerika immer mehr in zwei Welten geteilt hat, getrennt durch Hautfarbe und Einkommen. Die Unruhen von Los Angeles und Atlanta im Frühjahr dieses Jahres haben die schmerzvolle Wahrheit unterstrichen: Ein Exodus aus den Städten hat eingesetzt und die Nation gespalten. Zurück bleibt eine schwarze Unterschicht, deren wirtschaftliche Situation sich stetig verschlimmert. "Die Armut der schwarzen Unterschicht in den Zentren von L.A. und Atlanta war die Hauptursache für die Unruhen im Frühjahr", sagt David L. Sjoquist, Ökonom der Georgia State University in Atlanta.

Amerikas zwei Welten sind in jeder größeren Stadt zu finden, doch in Atlanta prallen die Gegensätze besonders kraß aufeinander. Die erste Welt wird repräsentiert durch die Suburbs; die zweite Welt ballt sich in der City. Eine Suburb ist ein Vorort, doch dies sagt wenig über ihren besonderen Charakter aus. In den USA haben sich diese Siedlungen so ausgedehnt, daß dort nicht selten mehrere Millionen Menschen leben – mehr als in vielen Großstädten. Vor allem die weiße Mittelklasse wohnt hier.

Verantwortlich für das rasche Wachstum ist vor allem die Regierung. Seit den fünfziger Jahren hat sie ihren Bürgern verbilligte Kredite für den Hausbau in den Suburbs gewährt. Sie hat das Autobahnsystem so ausgebaut, daß selbst Bewohner der entlegensten Vorstädte bequem in die City pendeln können. Und sie hat Steueranreize gesetzt, die Hauseigentümer in den Suburbs gegenüber Mietern in der City besserstellen.

All dies hat das Wachstum der Vorstädte gefördert. In Fayette County im Norden Atlantas stieg das Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1979 und 1987 um nahezu 80 Prozent. Im gesamten Ballungsraum Atlanta – hier leben 2,83 Millionen Menschen, davon rund 14 Prozent in der City, der Rest in den Suburbs – haben die Unternehmen zwischen 1982 und 1992 über 400 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Große US-Konzerne wie Delta Airlines, AT&T, United Parcel Service und Holiday Inn haben in den Vorstädten Atlantas ihre Zentralen eingerichtet.