Das Buch besteht aus drei Sätzen, im musikalischen Sinn: allegro con brio, adagio, andante. Es beginnt mit der unerhörten Geschichte einer Großmutter, der von einem Arzt grundlos ein Bein amputiert wird. Die Großmutter schlägt dem Doktor den Schädel ein und flüchtet nach Amerika zu einem Indianerstamm. Das glaubt jedenfalls ihr Enkel, der Erzähler, der gemeinsam mit seiner Freundin die alte Frau sucht, jahrelang den Kontinent durchstreift und schließlich aufgibt. Die Freundin bleibt in Amerika; er kehrt nach Österreich zurück. Der zweite Satz ist voll zäher Erinnerungen. Die beiden jungen Leute mußten sich als Hilfsarbeiter das Reisegeld verdienen, in einer hinterhältigen steirischen Provinz; illegal verlassen sie das Land. Der lange Ausklang spielt in Wien: Der Erzähler arbeitet im Museum für Völkerkunde; seine Freundin ist Beraterin des Bundeskanzlers. Das Paar redet und redet über seine bewegte Vergangenheit und über sein geisteslahmes Vaterland.

Der Verlag hat einen "Roman" angekündigt, aber "Auf nach Amerika" von Michael Scharang enthält mehr: Schelmenerzählung, Sozialanekdote und Heimatschelte. Das Tempo zu Beginn bringt den Leser außer Atem. Der Realismus des mittleren Teils ist nicht modern, doch unverwüstlich, denn das Arme-Leute-Unglück ist zwar aus der Mode, aber noch nicht abgeschafft. Im langsamen Finale ist alles versammelt, was an Österreich abscheulich ist; die giftige Seele des Landes, vielstimmig, bösartig und leibhaftig... Wem das gefällt, der darf noch keinen Roman von Thomas Bernhard gelesen, keine Parodien und keine Parodie der Bernhard-Parodien in den Händen gehalten haben.

Michael Scharang ist ein Virtuose der guten Absicht. Unter den österreichischen Schriftstellern der Gegenwart ist er bekannt für seine politische Geradlinigkeit. Kulturstrategische Bedenken mag er nicht, literarische Moden bekämpft er in seinen Essays. Wenn einer wie er in den Bernhard-Ton verfällt, ist das alarmierend: Die Manier ist zur Epidemie geworden, zum Syndrom der Auslöschungsimitation.

Dabei ist "Auf nach Amerika" sicher Scharangs bester Roman. Die Abenteuer dieser Großmutter Courage könnten das ganze Buch lang andauern, dauern aber leider nur dreiundzwanzig fliegende Seiten lang. Dann geht die Luft aus.

Eingewickelt in die neue Story, inszeniert Scharang das alte Lehrstück von der ungerechten Verteilung des Glücks auf der Welt im allgemeinen und in Österreich im besonderen. Vieles, beinahe alles ist in diesem Staat fürchterlich: die Politscharlatane und die Kulturverweser, das Wiener Schnitzel und der G’spritzte. Michael Scharang hat furchtbar recht – mehr hat er nicht.

Franz Haas

  • Michael Scharang:

Auf nach Amerika Roman; Luchterhand-Literaturverlag, Hamburg/Zürich 1992, 267 S., 36, DM