Von Rita Henß

Einfach "ravissante" sei sie, befand einst der französische Dichter Victor Hugo. Seine englische Kollegin George Elliot schwärmte sogar en détail: "Delicious" sei diese Insel mit ihren "grasigen Tälern, den geschmeidigen Kühen und dem immer wieder unerwartet sich öffnenden Ausblick auf die schimmernde See". Seit die beiden Schriftsteller die Reize der zwischen Frankreich und England gelegenen Kanalinsel Jersey besangen, sind nahezu anderthalb Jahrhunderte verstrichen – und die Gästezahl auf eine Million per anno gestiegen. Vor allem die Bewohner der britischen Mutterinsel erfreuen sich allsommerlich an dem mediterranen Charme des französisch geprägten Archipels (erst seit 1926 ist die Amtssprache Englisch). Sie machen in den Schmuckläden, den Kaufhäusern und den Boutiquen der Hauptstadt St. Helier weidlich von der Möglichkeit zu steuerfreiem Einkauf Gebrauch. "Nearer to France – closer to home" – mit diesem Slogan begrüßt Jersey diese britischen Ankömmlinge bereits am Flughafengebäude.

Aber nicht nur der Strom der Urlauber und Einkaufstouristen ist seit den Zeiten von Hugo und Elliot heftig angeschwollen. Auch die Zahl jener, die wegen der günstigen Steuerbedingungen auf Jersey den Status eines permanent resident begehrten, nahm stetig zu. So zählt die nur 116 Quadratkilometer große Insel heute rund 80 000 ständige Bewohner – und von Anfang April bis Ende September kommt noch einmal ein umfängliches Kontingent an vorwiegend portugiesischen Saisonarbeitern für die rund 500 Hotels, Pensionen und Restaurants hinzu.

Ähnlich hoch wie die Einwohnerzahl des Eilands ist während der Sommermonate auch das Fahrzeugaufkommen auf den meist schmalen, mitunter fast pfadartigen Straßen – ein Problem, das die Verantwortlichen der autonomen "States of Jersey" mit niedrigen Tarifen für vor Ort zu mietende Pkw, regelmäßig über die gesamte Insel verkehrenden Bussen sowie einer rigorosen Parkordnung zu lösen trachten. Allerdings verlocken großzügige, küstennahe und auf allen Straßenkarten präzise vermerkte Parkplätze geradezu, eine Strecke, die mühelos per pedes oder Rad zu bewältigen wäre, mit dem Auto zurückzulegen – und den Meeresblick nur durch die Windschutzscheibe zu genießen.

Romantische Gemüter zeigen sich stets erschüttert ob solch eines Frevels und beklagen bitterlich die nahezu lückenlose Erschließung ihrer "entzückenden", "köstlichen" Inselschönen. Doch kehren

sie nicht des Sommers, sondern eher im November nach Jersey zurück, dann finden sie die Umschwärmte beinahe wie einst in ihrem Wogenbett ruhend; kaum gestört von der kleinen Schar warmverpackter Verehrer – und umgeben von einem eigentümlich dunklen, herben Reiz.

Denn mit dem Schwinden der langen, hellen Sommerstunden versickert auf dem Eiland auch der Besucherstrom. Hotels und Restaurants schließen ihre Pforten; die Museen – wie beispielsweise das an die neolithischen Anfänge der Insel gemahnende La Houge Bie Museum und das aus der Zeit der deutschen Besatzung stammende Underground Hospital – tun es ihnen gleich. Das in der Bucht von Grouville aufragende Château Mont Orgueil dient nurmehr als prächtige Kulisse für ein von Halbwüchsigen ausgetragenes Fußballmatch, und in den Markthallen St. Heliers, unter deren mehr als hundert Jahre altem Glasgewölbe sich der Gemüsereichtum Jerseys appetitlich türmt, macht niemand mehr von dem Angebot Gebrauch, einen Blumengruß aus inseleigener Zucht zu versenden.