Von Andreas Isenschmid

Kann man auch zu gut erzählen? Die Frage hat sich mir nach der Lektüre von Thomas Hürlimanns "Die Satellitenstadt" gestellt, einer Sammlung von 25 Kürzest- und drei längeren Geschichten, in der unverkennbar ein außergewöhnlicher Könner am Werk ist. Seine Sätze sind wohlgeformt und von auffallender Musikalität, die kurzen präzis, ein Axthieb, ein Anschlagen des Triangels, die langen schwingend und schaukelnd, in erstaunlicher Balance. Mit diesen Sätzen arbeitet Hürlimann versatil wie ein Zauberkünstler. Zwei, drei Sätze, und seine Welt steht. Zwei, drei Abschnitte, und aus der Welt löst sich ein Prosa-Einakter. Zwei, drei Seiten, die Pointe blitzt, und das Personal ist von der Bühne.

In einem Spital setzt eines Nachts afrikanisches Trommeln ein. Ein siebenjähriger Knabe, in Afrika geboren und glücklich, in Europa nun fremd, trommelt seine sterbende Mutter für ein letztesmal aus ihren Fieber- und Morphiumträumen in ein Lächeln zurück – und Thomas Hürlimann gibt für drei kurze Leseminuten der so verlogenen Rede vom glücklichen Sterben poetische Wahrheit.

Mit ähnlichem dichterischem Glück erzählt er vom Unglück einer jungen, alten Frau aus der Zürcher Drogenszene und ihrer Taube: "Du Arsch, schreit sie, meiner Taube fehlen die Füße, ohne Füße kann sie nicht landen, kapiert. Ein Reflex: meine Hand greift zum Gesäß, kontrolliert das Portemonnaie. Oder will ich ihr Geld geben, mich loskaufen?" Später zeigt ihm die "Kindfrau", "als wolle sie mir eine verbotene Ware verkaufen", ihre Hand. "Stoff? Nein, auf ihrem Handteller liegen zwei Vogelfüße, graudünne Läufe mit vier Zehen. Begreifst du jetzt, fragt sie leise, fast flüsternd, glaubst du mir?"

Auf seinen Prosakurzstrecken scheint Hürlimann weiter in die Welt und näher zu seinen Figuren zu kommen als manche auf ihren Romanmarathons. Er ist kein Literat, der vorwiegend über Literaten schreibt. Aber er gehört auch nicht zu jenen, die das angeblich bunte Leben ausbeuten, um der Literatur jenen exotischen Lebenskraftstoff zuzuführen, nach dem neuerdings einige Billers und Plastik-Billers mit den schrillen Stimmen geistiger Kastraten schreien. Er zeigt uns Klosterbrüder und Kneipenwirte, Schausteller, Serviertöchter und Filialleiter (und Katzen, Löwen, Delphine, Pferde, Tauben und Kühe). Er verbindet sie diskret durch wiederkehrende Schauplätze und Figuren. Um jede seiner Figuren baut er einen kleinen, szenisch konzentrierten erzählerischen Kosmos. Er handelt von Liebe, Trauer und Trennung, von Einsamkeit, Lächerlichkeit und, immer wieder, vom Tod. Wir spüren, vergnügt, seine Liebe zu seinen Lesern, keine Seite, auf der er uns nicht mit Formulierungsglück und mit den Blitzen seiner Intelligenz und seiner Komik bei Laune erhielte, und wir empfinden, gerührt, seine Liebe zu seinen Figuren.

Aber nicht selten liebt Hürlimann seinen Stil noch mehr als seine Sujets. Und darum sind viele seiner Geschichten zu gut erzählt. Hürlimann verliert dann die Scheu, die vor seinen besten Einfällen seine Stimme so schmetterlingszart macht. Er wechselt in eine "Jetzt-will-ich-euch-aber-malwas-erzählen"-Attitüde, läßt seine Stilmuskeln spielen und schleppt uns, in makelloser, aber überorchestrierter Prosa zum Beispiel eine Prachtsleiche an, einen Offizier, der sich zu Tode gestürzt hat und noch im Todeskampf, aufgespießt auf einem Pfahl, in Achtungstellung geht. In solchen Geschichten verkommt das Thema, das Hürlimann seit seinen ersten Geschichten umtreibt, der Tod, zum Amüsement.

In anderen schlafft die Stimmung, durch die uns Hürlimann immer wieder an die Vergänglichkeit erinnert, die Melancholie, zur bloßen Designermelancholie ab, nur weil Hürlimann, nicht zufrieden damit, daß er vieles kann, gleich alles will. Dann schiebt er in eine Szenerie hurtig noch einige Staffagen, romantische Helldunkelmotivik, grelles Seelendunkel und anderes Bedeutungsgeblinker, und wir haben das Gefühl, daß drei Kellner auf Meißner Porzellan einen Hamburger servieren.