KRELINGEN. – Die Geräuschkulisse wirkt wie bestellt: Während Pastor Heinrich Kemner in seiner Glaubenshalle vor 1500 Leuten das Wort ergreift, heult im Dorf die Sirene auf. Alarm. Der 89jährige Leiter des Geistlichen Rüstzentrums in Krelingen bei Walsrode und seine evangelikalen Mitstreiter warnen vor den Versuchungen des Teufels: Nicht mit Schweif und rotem Federbusch komme der Beelzebub daher, sondern in Gestalt kritischer Theologen und kirchlicher Würdenträger. Die bibeltreuen Protestanten sehen sich daher veranlaßt, den theologischen Notstand auszurufen und – um zu retten, was zu retten ist – einen bundesweiten Gemeindenotbund ins Leben zu rufen. Um die Dimension ihres Ansinnens zu unterstreichen, wählten sie den Reformationstag zum Gründungstag.

"Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen", singen die Glaubenskämpfer des Rüstzentrums. Wie Martin Luther einst den Ablaßhandel prangern sie den sittlichen Verfall in der evangelisch-lutherischen Amtskirche an: Abtreibung, Homosexualität, Feminismus und Synkretismus – dies sind die Verirrungen der neuen Zeit, denen die Landeskirchen nach Meinung der Evangelikaien allzu lasch entgegentreten, wenn nicht sogar Tür und Tor öffnen.

"Die Kirche", sagt der Tübinger Theologieprofessor Peter Beyerhaus, "befindet sich in einem Prozeß der galoppierenden Selbstzerstörung." "Der Sog des Abgrunds", wettert Kemner, "wird immer größer." Und mit Blick auf den Nationalsozialismus, der die Kirche für seine Zwecke einspannte, meint der streitbare Evangelikaie: "Ich hätte nicht gedacht, daß ich am Ende meines Lebens noch einmal in eine ähnliche Situation gerate." Auch vom Begriff her knüpft der Gemeindenotbund an den Pfarrernotbund der Bekennenden Kirche während der Nazizeit an – eine Anmaßung, wie viele in den Amtskirchen meinen.

Ein Blick in die Grundordnung des Notbundes: "Das Evangelium wird ungehindert in einem immer bedrohlicheren Ausmaß bibelkritisch verdunkelt, politisch und ideologisch verfremdet und mit heidnischer Religiosität vermischt", heißt es da. "Nur geistlich ist hier überhaupt etwas zu bewegen, denn wir haben es letztlich mit Satan persönlich zu tun, der die Gemeinden kaputtzumachen versucht in dieser Endzeit", sagt der Krelinger Studienleiter Joachim Cochlovius, der dem Bruderrat an der Spitze des Notbundes angehört.

Auch vor Bischöfen machen die Notbundgründer nicht halt. Viel Wirbel etwa hat Kemner ausgelöst, als er dem hannoverschen Bischof Horst Hirschler in einem Zeitungsinterview Redeverbot in Krelingen erteilte – "im Falle der Verbreitung von Irrlehren", wie er später in einem Leserbrief einschränkte. Die Kirchenoberen reagierten ärgerlich. "Eine etwas abenteuerliche Vorstellung, daß wir einen Bischof haben, der Irrlehren verbreitet", kommentierte der geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes in Hannover, Günter Linnenbrink. Man bestand auf einer Entschuldigung.

Wohl um die Wogen zu glätten, beteuerte Kemner bei der Gründung des Notbundes, "daß wir unseren Bischof und unsere Kirchenbehörden lieben". Schließlich wird das Rüstzentrum in nicht geringem Maß von der Landeskirche finanziert – vor allem die dort angesiedelte Ausbildung von Theologiestudenten. Das knapp dreißig Hektar große Areal mit diversen Bauernhöfen ist so etwas wie die feste Burg der konservativen Protestanten. Kemner spricht gern von der "Wechselbank Gottes" und wirbt – erfolgreich – um Spenden und Testamentsverschreibungen. Putenmast und Medienhandel, Baum- und Bibelschule, Kirche und Gewächshaus, Tischlerei und Therapie für Drogenabhängige und psychisch Kranke – in Krelingen liegt alles nah beieinander: Theorie und Praxis, Religion und Geschäft. Auch das Land Niedersachsen gab jahrelang seinen Segen. Der frühere Ministerpräsident Ernst Albrecht fehlte selten bei den Erweckungstagen.

Ins Fadenkreuz ihrer Kritik haben die Krelinger seit einiger Zeit die Bischöfin der Nordelbischen Landeskirche, Maria Jepsen, genommen. Unter Anspielung auf ein Zitat aus einem Paulus-Brief ("Das Weib soll schweigen") hatte Kemner schon ihre Berufung kritisiert. Aufgrund der "skandalösen Auslassungen", die die Bischöfin seit ihrem Amtsantritt getan haben soll, sehen sich die Evangelikaien in ihrem Urteil nun bestätigt. Vor allem verübeln ihr die Krelinger, daß sie einer Erklärung der Landeskirche Berlin-Brandenburg beigepflichtet hat, wonach Homosexualität "weder sündhaft noch krankhaft ist" – ein aus Sicht der Notbundgründer "schlimmer Irrglaube". Die "schöpfungstheologische Bestimmung des Menschen" werde geleugnet. "Da wird die Schweinerei zur Moral erhoben", schimpft Kemner, der die gleichgeschlechtliche Liebe als "Brückenkopf zur Sodomie" verdammt.