Als nicht minder gotteslästerlich betrachtet der Notbund den theologischen Feminismus, wie ihn auch Bischöfin Jepsen vertrete. Die Gründer wehren sich dagegen, die Bibel von "patriarchalischen Elementen" zu reinigen und von der "Heiligen Geistin" oder "Jesa Christa" zu sprechen. Blanke Blasphemie ist es nach Ansicht des Missionswissenschaftlers Beyerhaus, wenn Theologinnen das Kreuzigungsgeschehen als Ausdruck eines "despotischen Vaterbildes" interpretieren.

Auch an der Frage, ob Frauen als Pastorinnen ein "gemeindeleitendes Amt" bekleiden dürfen, scheiden sich die Geister. "Ein emanzipiertes Frauentum ist mir immer ein Greuel gewesen", schreibt Kemner in seiner Biographie. "Die echte frauliche Entfaltung findet ihre Krone in geschenkter Mütterlichkeit." Im gleichen Werk mit dem Titel "Da kann ich nur staunen" schildert der energische Prediger Frauen, die mit dem Teufel im Bunde stehen. Zum Beispiel eine Arztfrau – charmant, intelligent; das Problem: "Sie war so hochgradig besessen, wie es mir noch nie begegnet war ... Mich erbarmte das Elend, ich stand auf und legte ihr eine Hand aufs Haupt, um ihr ein unmittelbar geschenktes Gotteswort zu sagen. In dem Augenblick, als ich den Kopf mit der Hand berührte, wurde mir vor den Augen schwarz ... Sie lachte hohnvoll und sagte: ‚Sie wissen ja, wer ich bin‘, und sagte mir Dinge, die ich hier nicht berichten möchte."

Der Gemeindenotbund als letzter Rettungsanker: kein "Meckerclub", sondern eine "Hilfsgemeinschaft" soll er werden. Pastoren, kirchliche Mitarbeiter und Gemeindemitglieder, die sich in den Landeskirchen an den Rand gedrängt sehen, will er durch Seelsorge, Schulung, Information und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. "Wir wollen uns nicht auf die Knie beugen vor Bischöfen und Synoden", sagt Cochlovius. "Und wenn das Evangelium auf den Kanzeln nicht mehr verkündet wird, dann gründen wir eben Hausgemeinschaften und verkünden es dort." Wie heißt es im Luther-Lied? "Drängt uns der Feind auch um und um, wir lassen uns nicht grauen." Die kürzeste Formel findet Kemner: "Nicht Hallodri, sondern Halleluja", heißt seine Devise.

Den Kirchenoberen ist weniger nach Lobpreis zumute. Der Lüneburger Superintendent Hans-Christian Drömann spricht von "Diffamierungen und Halbwahrheiten" und die hart attackierte nordelbische Bischöfin Jepsen von "Feindbildern, mit denen die arbeiten". Die höheren kirchlichen Würdenträger blieben daher der Gründung des Notbundes fern. Die Politik dagegen war in Krelingen wie gewohnt durch einen führenden Repräsentanten vertreten. In der Nachfolge des früheren Ministerpräsidenten Albrecht versicherte Horst Waffenschmidt, Staatssekretär im Bonner Innenministerium, den besorgten Protestanten seine Sympathie. Heinrich Thies