Ob er Deutschland noch einmal neu und schon wieder anders erlebt? Man fragt sich das, während Cees Nooteboom, der niederländische Schriftsteller, im Bonner Universitätsclub aus seinen „Berliner Notizen“ liest.

1990 entstand dieses Buch. Dort finden sich Sätze wie dieser: „Ein Land, das für sich selbst nicht leicht ist, lastet schwer auf den Nachbarn.“ Es sei ein „schmelzendes Land“, schrieb er damals. Deutschland sei „nicht fertig, es ist uralt, aber immer noch in der Mache“. Hinter einem „Vorhang der Macht und des materiellen Erfolges“ stecke das Land. „Kennt es sich selbst? Weiß es, was es werden will, wenn es groß ist?“

Nooteboom spricht, wie er schreibt. Es klingt heiter, klug, melancholisch, unaufdringlich. Eine ganz einzigartige Mischung. Bei keinem anderen verbinden sich das Lebendige und das Tote, das Heutige und das Vergangene dermaßen selbstverständlich. Das Vergangene vergeht nicht, nicht bei ihm. Nootebooms Vater übrigens kam bei den deutschen Bombardements ums Leben.

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Aus der Welt der Politik hörte dem Schriftsteller niemand zu. Die erste Nachricht nach der Lesung am Abend: Ein Rostocker CDU-Kommunalpolitiker hat dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Ignatz Bubis mit der dreisten Bemerkung traktiert, seine Heimat sei doch Israel...

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Von jüdischen Anwälten und ihrer Vertreibung im Nationalsozialismus handelte eine Podiumsdiskussion des Bonner Anwaltvereins. Warum jetzt, warum erst jetzt, da fast keine Zeitzeugen mehr leben, fragte Rechtsanwalt Heidwin Paus. Er gab den Anstoß zu den Nachforschungen über das Schicksal jüdischer Kollegen. Die Idee war, wenigstens in letzter Sekunde ein bißchen von der Vergangenheit aufzuhellen und Einzelschicksale zu beleuchten, um sie dem üblichen abstrakten und unverbindlichen Erinnern zu entziehen.

Auf die Anregung, einen Fachmann (der in Bonn referierte) zur Vertreibung der Anwälte und dem Ende des Rechtsstaats berichten zu lassen, hatte die vornehme Juristische Gesellschaft in Berlin erwidert: Man sei leider viel zu lange ausgebucht mit rechtshistorischen Themen. Die nächste Veranstaltung auf ihrem Programm widmete sich – brandaktuell – dem Humor im Recht.

Man könne über die Vergangenheit nicht reden, ohne von den deutschen Realitäten in Rostock und anderswo zu sprechen, sagte in Bonn der israelische Anwalt Levi. „Wehret den Anfängen!“ mahnte er wie auch Rudolf Wassermann. Die Anwälte hätten vermutlich keine andere Rolle gespielt als andere Berufsgruppen, aber eine andere Rolle „wäre uns besonders angestanden“, meinte Professor Konrad Redeker. Offenbar seien Juristen mit ihrem Rechtspositivismus sehr verführbar. Und sie seien heute wohl auch nicht gern bereit, sich politisch einzumischen, fügte er hinzu: Das war vor 1933 anders, nachzulesen in den Texten vieler (jüdischer) Kollegen.

Von der Juristischen Fakultät Bonns, die auch eingeladen war zu diesem Abend, hatte übrigens niemand reagiert, keiner ist erschienen. Hat sie nichts aufzuarbeiten? Sie hätte! Wie die Dinge liegen, wird das nicht mehr geschehen. Gunter Hofmann