Von Walter van Rossum

An der Universität von Konstanz lehrt ein Professor Anglistik und Literaturwissenschaft. Er heißt Wolfgang Iser. Es gibt ihn wahrscheinlich. Er hat im Laufe seines Lebens etliche bedeutende Werke zur Literaturgeschichte und Literaturtheorie geschrieben, und zuletzt hat sich seine Existenz in einem umfangreichen Buch manifestiert, das der grundsätzlichen Frage nachgeht, warum die Menschen sich seit nunmehr ewigen Zeiten mit so viel Ernst und Vergnügen von Büchern in Welten entführen lassen, die es gar nicht gibt. Iser stellt keine geringere als die Kardinalfrage: Warum gibt es überhaupt Literatur? Iser hat dabei eine Vision von großer Reichweite vor Augen: nämlich daß die Literatur entscheidend mit der "anthropologischen Ausstattung des auf Kosten seiner Phantasie lebenden Menschen" zu tun habe.

Literatur verfügt über einen derart enormen Formenreichtum, daß es sehr schwer fällt zu bestimmen, was Literatur schlechthin sein soll. Für Iser besteht das allererste Kriterium der Literatur in dem organisierten Verbund von Fiktivem und Imaginärem. Weder das Fiktive noch das Imaginäre sind für sich zu begründen, sondern erst im spielenden Hin und Her entsteht Literatur.

Das Fiktive wird heute immer noch als Gegenstück zum Wirklichen bestimmt. In dieser etwas naiven Gegenüberstellung tut man so, als ob man dabei immer schon wüßte, was wirklich und was fiktiv ist. Iser schlägt die Ausweitung der zweistelligen Opposition Fiktion versus Wirklichkeit auf eine dreistellige vor, die jetzt das Imaginäre einbezieht. Der fiktionale Text – so sagt Iser – nimmt Reales auf, um es auf etwas hin zu überschreiten, das in ihm nicht oder nur unsichtbar vorkommt. Wenn ein Autor Reales fingiert, dann um es um eine Dimension zu bereichern, die sich der Schlüssigkeit und Eindeutigkeit entzieht. Die im literarischen Text fingierte Realität wird zum Zeichen, oder genauer: zum Bezeichnenden und das Imaginäre wird seine Bedeutung, das Bezeichnete.

Aber das Imaginäre läßt sich nicht in eine Aussage, einen Gegenstand oder handfesten Sinn verwandeln. Seit unseren ersten literarischen Begegnungen, seitdem wir den so hochgradig fiktiven Märchen aus dem Mund unserer Mütter gelauscht haben, wissen wir, daß der Wolf nicht von Wackersteinen beschwert am Grunde des Sees liegt, sondern mit seinem Hunger nach den Geißlein unser Leben bevölkert. Nein, der Fiktion geht es nicht um sie selbst. Sie entläßt ein Imaginäres, das gerade die von Fiktion überschrittene Realität meint und trifft.

Der eigentliche Auftrag des Fiktiven besteht darin, das Reale mit dem Imaginären zu vermitteln. Die Fiktion sorgt für ein Irrealwerden des Realen und ein Realwerden des Imaginären. Wir haben es also bei einem literarischen Text immer mit einer doppelten Überschreitung zu tun: Das Reale wird vom literarischen Text überschritten und der wiederum vernichtet seinen eigenen Realitätsgehalt und macht ihn fiktiv. Am Ende dieser komplexen Umwege erscheint etwas, das seiner Natur nach irreal ist: das Imaginäre. Wolfgang Iser meint es ganz ernst mit der Literatur. Die literarischen Verfahren der doppelten Realitätsüberschreitung sind nur sinnvoll, wenn das Imaginäre zum Zuge kommt. Wenn es die Realitäten, die der Text hinter sich läßt, umformuliert.

Im Fiktiven werden wir selbst irreal, "um der Irrealität der Textwelt die Möglichkeit ihres Erscheinens zu sichern". Aber wir verlieren uns beim Lesen nicht ganz. Wir befinden uns gleichzeitig bei uns und außer uns, auf jenem Schlachtfeld des Romans zum Beispiel. Iser nennt einen solchen Zustand: Ekstase: "das gleichzeitige Festhalten und Heraustreten aus dem, was man ist". Eine solche Ekstase ist aber für Iser das "Paradigma des Herstellens überhaupt, sei es eine solche des Subjekts oder der Welt". Mit anderen Worten, das Lesen von Literatur setzt nicht nur bestimmte menschliche Fähigkeiten voraus, es spielt sich auch im "Wesenskern" des Menschen ab, insofern der Mensch ekstatischer Natur ist. Menschen sind also für Iser jene merkwürdigen Wesen, die sich dauernd schaffen müssen, ohne sich je zu erreichen.