Von Arne Daniels

Stavenhagen hat wieder etwas Hoffnung. Hundert Arbeitsplätze sind gesichert, und das ist viel für die 9000-Einwohner-Stadt am Rand der Mecklenburgischen Seenplatte. Der Strukturwandel im Osten zerstörte auch hier die meisten Jobs. Derzeit sind vierzig Prozent der Stavenhagener arbeitslos. Doch nun kommt Pfanni.

Kurz nach der Wende übernahm der Knödel- und Püree-Fabrikant aus dem fernen München von der Treuhand mit einem ehedem volkseigenen Kartoffelveredelungswerk auch 100 der einst 350 Arbeitnehmer. Die meisten sind derzeit noch auf Kurzarbeit, aber vom kommenden Jahr an soll’s richtig losgehen. Dann will Pfanni in Stavenhagen mit der Püree-Produktion beginnen, ein Jahr später werden Vorprodukte für Knödel und Klöße folgen. "Vierhundert Arbeitsplätze hat Pfanni versprochen", glaubt ein Stavenhagener zu wissen, und in der Stadt kursieren noch höhere Zahlen.

"Das mit Pfanni", sagt ein Gastronom, "ist eine feine Sache – geradezu der Idealfall für den Aufschwung Ost." Mit offenen Mündern hätten die Stavenhagener zugeschaut, wie schnell die Bayern die alte Fabrik abgerissen haben. Nun ragen auf dem weitläufigen Firmengelände Baukräne in den Himmel, Dutzende von Arbeitern ziehen neue Werkshallen hoch. Der alte Werbeslogan, der groß auf dem Baustellenschild prangt, hat für die Stavenhagener eine ganz eigene Bedeutung: "Freu Dich auf Pfanni".

Nur jene, die am meisten Grund zur Freude haben, geben sich sehr zurückhaltend. Ein Pfanni-Betriebsratsmitglied hebt abwehrend die Hände: "Wir sagen nichts dazu – wir wollen die Stimmung nicht noch weiter anheizen." Gemeint ist die Gemütslage seiner Münchner Kollegen, denn bei denen geht derzeit die Angst um. Weil der Knödel-Hersteller ganze Produktionszweige in den Osten verlegt und gleichzeitig auch an anderer Stelle gespart werden soll, werden im kommenden Jahr 200 Münchner Pfanni-Werker ihren Job verlieren. Und das, fürchten Betriebsrat und Belegschaft des Stammwerkes, dürfte nur der Anfang sein.

Das Beispiel Pfanni offenbart das Dilemma, in das Wirtschaft und Arbeitsmarkt im vereinten Deutschland geraten werden. Den Bundesbürgern stehen bittere Verteilungskämpfe bevor – weitaus härter als der Streit über höhere Steuern und Sozialabgaben: Künftig muß nicht nur der Ertrag der Arbeit geteilt werden, sondern auch die Arbeit selbst. Die Hochkonjunktur der achtziger Jahre ist in Westdeutschland am Ende, der Vereinigungsschub erlahmt. Für das kommende Jahr erwarten, die Wirtschaftsforschungsinstitute bestenfalls noch ein gesamtdeutsches Wachstum von einem Prozent. Zuwachs ist kaum noch oder gar nicht mehr zu verteilen. Schon jetzt nimmt auch im Westen die Arbeitslosigkeit wieder zu. Und je tiefer der Wirtschaftsabschwung wird und je länger er dauert, desto schärfer wird die Konkurrenz um die Arbeitsplätze.

Die Solidarität der Werktätigen West mit den Arbeitslosen Ost wird dadurch auf eine besonders harte Probe gestellt. Das wird die ohnehin miese Stimmung zwischen neuen und alten Bundesbürgern weiter verschlechtern.