Wir führen heimische Waren", wirbt ein Dresdner Fleischermeister, "kauft Sächsisch!" Es ist aber nicht immer einfach, seiner Aufforderung zu folgen. Die alte Konditorei Binneberg auf dem Weißen Hirsch zum Beispiel, die köstliche Adventsstollen buk, gibt es nicht mehr. "Ist schon länger geschlossen", sagt der junge Mann aus dem Haus gegenüber. Warum? Er zuckt die Achseln: "Ich glaube, ungeklärte Eigentumsverhältnisse ... Westbesitzer, Sie wissen schon."

Das westdeutsche Familien-Großunternehmen Thurn und Taxis hat alle 53 Dresdner Volksbuchhandlungen übernommen, viele davon geschlossen und aus einigen Benetton-Läden gemacht. Alle Bücher aus DDR-Tagen wurden sofort aus den Regalen geworfen. In einer Baracke in Dresden-Striesen warten Tausende solcher Bücher zu Schleuderpreisen auf Käufer, manche für 1 Mark, Taschenbücher oft für nur 25 Pfennige. Früher wurden sie unter dem Ladentisch gehandelt, waren "Bückware". "So, wie man mit Büchern umgeht, geht man auch mit Menschen um", sagt eine ältere Frau bitter, "bringen keinen Gewinn mehr: aus und weg."

Thurn und Taxis gehören auch viele der Häuser am Körnerplatz. Dresdner, die hier seit vielen Jahren ihre Läden betreiben, machen dicht, weil sie die Miete nicht bezahlen können, manche Läden stehen leer, wie zum Beispiel ein altes Fischgeschäft. Auch das Haus mit dem Konsumladen ist in Westbesitz. "Der Laden wird wohl auch zumachen. Wo wir dann einkaufen, wissen wir nicht," sagt ein Passant. Im Friseurladen an der Ecke kostet Waschen (noch überm Waschbecken mit vorgeneigtem Kopf) und Föhnen nur vierzehn Mark. "Aber wir haben jetzt viel weniger zu tun", erzählt die junge Friseuse. "Am Körnerplatz sind ja kaum noch Läden, also kaum noch Laufkundschaft." – Ein Mann fragt: "Wissen Sie, wo ich hier Glühbirnen kriege? Früher gab’s sie bei mir um die Ecke. Jetzt sind da nur noch lauter Banken." Auch am Körnerplatz kriegt er seine Glühbirnen nicht. Der Laden, wo er sie hätte kaufen können, existiert nicht mehr.

Den "Elbblick" in Dresden-Pillnitz hat ein Hamburger übernommen. "Neulich waren wir da", erzählen Freunde, "es kam uns merkwürdig leer vor für einen so schönen Sonntag abend. Aber es war eben Wochenende, da sind die westlichen Geschäftsleute, die sonst abends da ihre Zeche machen, zu Hause in Hamburg oder Bonn." Im "Elbblick" gibt es aber noch sächsischen Wein, sächsische Quarkkeulchen, sächsische Schlachteplatte, Dresdner Krautwickel. Auch das Restaurant in Dresden-Wachwitz hat ein Westdeutscher gekauft. "Macht alles picobello", findet ein Gast, "bringt einen tüchtigen Gaststättenleiter mit. Da ist man als Dresdner gespalten: Auf der einen Seite ist es schön, daß es wiederhergerichtet wird, auf der anderen Seite wird es vielleicht mal so teuer, daß wir es uns nicht mehr leisten können."

Freunde in Dresden-Blasewitz haben ihre Nachbarn längst verloren, ihr Haus steht leer, hat blinde und zerbrochene Fenster, blätternde Fassaden, Risse in den Wänden. Es gehört einer Erbengemeinschaft, die eine Hälfte lebt im westlichen, die andere im östlichen Deutschland. Tochter und Schwiegersohn der Freunde möchten das baufällige Haus und den verwilderten Garten kaufen. Der östliche Teil der Erbengemeinschaft ist einverstanden, der westliche nicht. Inzwischen verfällt das Haus weiter vor sich hin.

Die junge Ärztin hat sich vor kurzem erst niedergelassen, mitten in einem riesigen Dresdner Neubauviertel. Von außen ist es noch DDR pur, die Praxis aber sieht aus wie im Westen. Offenbar gibt es einen Ausstatter, der dafür sorgt, daß alle westeuropäischen Arztpraxen gleichaussehen. Sprechstundenhilfe ist ein junger Mann. Er ruft gerade eine Computerfirma an, moniert höflich, daß der Computer noch immer nicht repariert worden sei: "Wir haben extra einen guten Markenartikel gekauft in der Annahme, daß auch der Service vorbildlich ist", sagt der junge Mann, und jeder, der die Verhältnisse kennt, weiß, was da mitschwingt: Früher, in DDR-Zeiten, da wußten wir ja, daß hier alles Schrott ist, aber jetzt, wo ihr immer so tut, als wenn bei euch alles perfekt ist, jetzt müßte das doch eigentlich klappen. Und der am andern Ende der Leitung wird denken: Früher hatten die nicht mal ’ne elektrische Schreibmaschine, und jetzt tun sie wunder, wer sie sind ...

In der Galerie Kühl, zu DDR-Zeit lange die einzige private Galerie, hat sich nichts verändert. Die alte Villa in einer Nebenstraße, die knarrende Eingangstür, die Treppe zur ersten Etage, Klingeln an der Wohnungstür, hinter der sich die Räume mit den Bildern befinden und der Besucher allein gelassen wird, um sich in Ruhe umzusehen; erst auf Zuruf kommt jemand aus dem Nebengelaß. "Werden Sie umziehen in die Innenstadt?" – "Auf gar keinen Fall. Das würde die ganze Atmosphäre verändern. Wir bekämen Laufkundschaft, man erwartete vielleicht sogar, daß ein Café zur Galerie kommt. Ich habe nichts gegen Kaffee, aber wir bleiben lieber hier." Kühl bleibt sich treu. Marlies Menge