Von Fredy Gsteiger

Es gibt sogar eine Ampel in Wendake. Gepflegte Vorgärten, propere Häuschen, eine katholische Kirche mit dem klingenden Namen Notre-Dame de Lorette ... Stünden die Straßennamen nicht eingekerbt auf Holzschildern und gäbe im Stadthaus nicht eine rauhe Telephonstimme die Auskunft: "Hier gibt es keine Bürgermeisterin, sondern eine Große Chefin" – kein Mensch käme auf die Idee, dieser Vorort von Quebec sei ein Indianerreservat.

Indes: Wendake ist das letzte Refugium des einst mächtigen Stammes der Huronen. 950 Menschen leben hier, nach dem Gesetz steuerfrei, mit allen sozialen Annehmlichkeiten. Braunbären schleichen nicht mehr um die Häuser; die meisten Huronen jagen allenfalls nach Sonderangeboten im Supermarkt. Und immer seltener werden die Stimmen der weisen alten Männer, die noch wissen, wie man Elche erlegt, Fallen stellt und mit dem Bogen fischt. Es sind wohl schon mehr Bewohner von Wendake in Firmenjets geflogen als Hundeschlitten gefahren.

Wendake ist ein indianischer Vorzeigeort. Seit die Huronen an der Seite der Franzosen gegen die Briten gekämpft haben, gelten sie als die "guten" Indianer. Wenn ihr – kürzlich abgewählter – langjähriger Großer Chef Max Gros-Louis, der sich den Übernamen One Onti, "der Fels im Sturm", zugelegt hat, durch die Hallen von Quebecs Regierungsgebäuden schreitet, grüßt ihn alle Welt ehrerbietig. Ohne falsche Bescheidenheit sagt der alte Große Chef über 950 Huronen: "Ich muß halt auftreten wie ein Premierminister. Schließlich repräsentiere ich eine Nation." Dabei lacht er unter seinem großen Schlapphut, wirft den grauen Zopf nach hinten und bringt seine imposanten Einsneunzig in Positur.

Unumstritten ist Max Gros-Louis nicht. Manche in den eigenen Reihen stört sein autoritäres Gehabe. Wer sich gegen ihn wandte, dem wurde schon mal das Wasser oder der Strom abgestellt. Die Sitten sind noch immer rauh im Land der Huronen. Aber der ehemalige Boxer ist ein tüchtiger Vertreter indianischer Interessen, und das sichert ihm Respekt. Auch nach seiner Abwahl ist er der eigentliche Große Chef. "Die Regierung Quebecs hat Angst vor mir", meint er. In der Tat: Es schaudert sie mitunter, wenn Max Gros-Louis auf Auslandsreisen vom "geplanten Völkermord" in Quebec redet: Die "Neuankömmlinge", wie er die weißen Kanadier nennt, hätten sein Volk jahrhundertelang unterdrückt, von höherer Bildung und der Politik ausgeschlossen.

Durch die jüngste Absage der Kanadier an eine Verfassungsreform ist der Große Chef in seinem Zorn bestätigt worden. Die Ureinwohner des Landes hatten sich vom Referendum weitgehende Rechte der Selbstregierung und Landhoheit versprochen und sehen sich nun vor dem Scherbenhaufen ihrer Hoffnungen. Die Stimmung ist explosiv. Immer weniger Indianer sind bereit, sich mit dem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Indianergesetz abzufinden. Es degradiert, was sogar im Ministerium für die Angelegenheiten der autochthonen Bevölkerung in Quebec eingeräumt wird, die Ureinwohner zu Mündeln des Staates: "Die Indianerakte ist eindeutig rassistisch." Ob das Testament eines Indianers anerkannt wird, ob einer Land erwerben darf, ja ob einer überhaupt Indianer ist, darüber hat "der Minister" in der Kapitale das letzte Wort, ein Bleichgesicht natürlich.

"Die Regierung hat über uns nicht zu bestimmen", sagt der alte Kämpfer Max Gros-Louis, "wir sind ein eigenes Volk, mit eigener Kultur, Tradition und Sprache." Die alte Huronensprache spricht allerdings längst niemand mehr in Wendake. Max Gros-Louis selber büffelt sie mühsam an der Universität. Weiße Sprachforscher und Völkerkundler sind seine Lehrer. Früher als andere Indianerführer hat Gros-Louis gemerkt, daß indianische Autonomie eine Worthülse bleibt, solange sein Volk wirtschaftlich an Quebecs Tropf hängt. Er hat den Tourismus angekurbelt und seine Leute ermuntert, Betriebe zur Herstellung von Mokassins, Schneebrettern und Souvenirs zu gründen. Das Rezept war erfolgreich. Kaum einer ist arbeitslos in Wendake, im Gegenteil: Das Indianerdorf bietet 400 weißen Gastarbeitern einen Job. "Die Sonne, der Sohn des Herrn, meint es gut mit uns", freut sich Gros-Louis. Der Dorfpfarrer mißbilligt zwar solche Reden, aber der alte Häuptling entgegnet ihm schmunzelnd: "Du trinkst auch Wein und tust so, als sei es das Blut Christi."