Dieses Buch (ein sogenannter "Roman") ist erst ein Jubel-, dann ein Trauerfall. Siebzig Seiten süßes Versprechen! "Eine kleine Unkeuschheit" heißt der Untertitel des Buches, und schon auf Seite zehn wissen wir über die Erzählerin, daß sie an einer "Schwellung mit einem haselnußgroßen, trotz der eher rötlichen Schleimhautabdeckung gelblich schimmernden Kern" leidet. Im Genitalbereich, versteht sich. Wir dürfen sie in die gynäkologische Ambulanz begleiten. Sie heißt "Stefanie Holzer, geboren Ostermiethig am 17.10.1961 ... Mitherausgeberin der Zeitschrift Gegenwart, die den Untertitel Zeitschrift für ein entspanntes Geistesleben trägt."

Und das trifft alles auch auf die Autorin zu, Stefanie Holzer, geboren... und so weiter. Es geht ans Eingemachte. Ohne Literaturzwang. Denn: "Ich bin keine von diesen empfindsamen Damen..." Stefanie trifft Martin, und beim Bier wird klar, daß es noch in dieser Nacht zum Letzten kommen wird: "Man stand nicht an, auch Ängste, die dieses Unterfangen in uns beiden auslösten, zu ventilieren, beschloß jedoch, so gefaßt als möglich an die Sache heranzugehen. Damit waren wir vom Pathos wieder auf einen etwas höheren Ironiespiegel gekommen, der uns sichtlich wohltat." Uns auch.

Was Marilyn Monroe angeht, wäre für Stefanie Holzer eine Sahnetorte "die einzig mögliche Entsprechung im Kuchenbereich". Als Martin überraschend klingelt, rast sie auf der Suche nach etwas zum Anziehen "fleischfliegenartig" in ihrem Zimmer herum. Aufs Schlachtfeld des Geschlechterkrieges will sie uns führen, und nach diesen Leseerfahrungen gibt es eigentlich keine mehr, mit der wir diese Reise lieber unternehmen würden – gefaßt auf Horror und Entsetzen, auf gnadenlos sezierte, blutige Katastrophen.

Es wird nichts daraus. Die Erzählerin trifft Martin, und sie werden ein Paar. Er betrügt sie; sie beschließt, ihm ein paar Kurzgeschichten zu zeigen, die sie irgendwann mal irgendwo veröffentlicht hat. Was als Einladung zur Schlachtbeschreibung begonnen hatte, wird zur Rahmenhandlung für die Präsentation wiederverwerteter Texte. Und diese Texte lösen nicht ein, was die Einleitung versprochen hat – sie doppeln es nur.

Schlimmer noch: Während Stefanie Holzer im ersten Teil ihres Buches ihr Thema noch einladend kühl und kokett umschleichen konnte, verliert sie in ihren Kurzgeschichten den Humor und entwickelt eine Art Theorie der betrogenen Frau. Die Handlung verlagert sich vom Schlachtfeld in die Wohngemeinschaftsküche. Als ihr schriftstellerischer Mut sie völlig verläßt, beginnt sie, ihr Schreiben zu begründen, und erklärt zum Beispiel ihren Text "Bestandsaufnahme": "Ich brauchte ihn,... um mich selber zu stabilisieren."

Eben noch: ein Spiel, ein Tanz, charmant gesprechen, kalt und leicht. Aber jetzt: tiefer (und etwas banaler) Ernst. Hinter, der Spiellust der Autorin scheint sich mehr zu verbergen: literarisches Wollen. Literatur! Die Enttäuschung ist groß.

"Was ich in diesen Wochen zu Papier brachte", heißt es einmal, "war mir selber manchmal unheimlich." Uns leider nicht – obwohl wir ahnen, daß Stefanie Holzer es uns unheimlich hätte werden lassen können. Das ist das Problem.