Gleichgültig und uninformiert: hat man sich so die neudeutsche "Realpolitik" vorzustellen? Da verblüffte Klaus Kinkel in Peking mit der Erkenntnis, bei den Menschenrechten in China gebe es Fortschritte. Begründung: keine. Da verkündete der Außenminister als Ergebnis seiner Reise bündig, die Beziehungen zwischen Deutschland und China seien nun wieder "normal". Bedingungen: keine. Da versprach er seinen Gastgebern, sich dafür einsetzen zu wollen, daß der Bundestag die Sanktionsbeschlüsse gegen China, die das Parlament ohnehin schon bis zum Jahresende ausgesetzt hat (um drei Containerschiffe an die Volksrepublik verkaufen zu können), endgültig aufhebt.

Klaus Kinkel wollte sich, so hat er wiederholt beteuert, in Menschenrechtsfragen von niemandem übertreffen lassen. Jetzt bereitet es ihm nicht die geringste Mühe, selbst seinen Kabinettskollegen und Parteifreund Jürgen Möllemann zu unterbieten. Der hatte noch vor einem Jahr eine Liste mit den Namen von 900 politischen Gefangenen überreicht. Die Häftlinge in den chinesischen Kerkern werden es Kinkel nachsehen: Hat er nicht neulich versprochen, er wolle in Menschenrechtsfragen den Rat von amnesty international einholen? Vielleicht beim nächsten Mal.

Genschers Nachfolger liebt die deutliche Sprache – auch wenn er gelegentlich das Augenmaß verliert. Den Serben Milošević wollte er (wie nur?) "auf die Knie zwingen". Vor dem Tiananmen-Premier Li Peng ging er nun selber in die Knie: "Der Mann ist völlig normal und aufgeschlossen."

Anbiederung als Außenpolitik? So hat sich noch niemand in Peking Respekt erworben, seit die Söhne des Himmels fremde Emissäre empfingen. Die waren damals noch tributpflichtig. Kinkel ist es nicht. Unter den Kommunisten ist sogar der Kotau unüblich geworden. Matthias Naß