Drei Jahre nach der Wende sollen in Thüringen auch Reminiszenzen an verblichene Dichter und Denker beim Aufschwung Ost behilflich sein: Vom kommenden Jahr an buhlt dort eine "Klassikerstraße" um touristische Aufmerksamkeit.

Es wirkte auf uns bisweilen eher peinlich, daß Goethe auf Schritt und Tritt in Weimar präsent war", erinnerte sich Nina Kandinsky, Ehefrau des Malers Wassily, in ihren Memoiren. Jürgen Bohn sieht das ganz anders. Die Klassiker hat er kurzerhand zur Chefsache erklärt. Der 33jährige thüringische Wirtschaftsminister will aus der Vergangenheit seines Bundeslandes Kapital schlagen und die kurze Spanne der deutschen Klassik für einen devisenträchtigen Touristenstrom nutzen. Vor allem Japaner und Amerikaner wittert der FDP-Politiker Bohn als potentielle Besucher. Sie sollen auf ihrem Europatrip auch in Thüringen haltmachen und, wie er unverblümt anmerkt, "hier möglichst viel Geld lassen".

Daß Thüringen mit dem Bestsellerautor Goethe wirbt, ist nicht neu. Weimar zählte bereits zu DDR-Zeiten rund 300 000 Besucher pro Jahr. Seit der Osten zum Westen gehört, sind jährlich schätzungsweise zwischen einer und vier Millionen Touristen in die Stadt gekommen. Mit der "Klassikerstraße" soll die Region vom Mythos Weimars profitieren. Schließlich: Fast überall hat ein Großer gewohnt, gearbeitet oder mit jemandem angebandelt.

Bis zum Frühjahr 1993 soll das Konzept "Klassikerstraße" zur Marktreife entwickelt worden sein. Noch fehlt es jedoch in vielen Orten an Betten und Restaurants sowie an konkreten Vereinbarungen mit Reiseveranstaltern. Das Konzept sei erst "angedacht", räumt Jürgen Bohn ein. Schon rührt jetzt eine Agentur aus dem baden-württembergischen Bietigheim-Bissingen die Werbetrommel für die Idee des Wirtschaftsministers.

Die Farbbroschüre "Klassikerstraße" mit dem Rundkurs entlang der Orte Eisenach, Erfurt, Weimar, Jena und Ilmenau ist bereits gedruckt, ein Signet längst entworfen worden. Außerdem wurden Journalisten aus den USA, Japan und vor allem den alten Bundesländern nach Thüringen eingeladen. "Wir wollen den Fuß in der Tür haben", begründet Peter Becker, der westdeutsche Berater des Wirtschaftsministers, die Tourismusidee. Denn Jürgen Bohn baut auf den Massentourismus nach bekanntem Vorbild. Die "Klassikerstraße" soll beispielsweise der erfolgreichen "Romantischen Straße" Konkurrenz machen. Thüringen als vergeistigtes Disneyland mit Weimar als neuem "Rothenburg ob der Ilm"? Wirtschaftsminister Bohn kennt da keine Bedenken. Ob man sein Konzept auch in zehn oder fünfzehn Jahren noch gutheißen werde? "Das wird sich zeigen", antwortet Bohn lapidar.

Für die Förderung des Fremdenverkehrs greift das Land tief in die Tasche. Allein in diesem Jahr gibt es dafür achtzig Millionen Mark aus. Bis zum Jahr 2000 soll rund eine Milliarde Mark in die Branche investiert werden.

Die Klassikerroute wird allerdings noch mehr Autos auf die Straßen des Landes locken. Die Asphaltpisten sind zwar inzwischen "schlaglochfrei", wie der Minister betont, aber völlig überlastet. Von 1995 an soll eine Autobahn gebaut werden, die quer durch den Thüringer Wald führen wird.