Von Benjamin Henrichs

Der Vater hat seine Tochter geopfert. Die Frau hat ihren Mann gemordet. Der Sohn hat seine Mutter geschlachtet. Alle nur vorstellbaren Greueltaten sind vollbracht – die Erde scheint unterzugehen im Blut und im Wahnsinn. Die letzte Stunde der größten Tragödie hat begonnen.

Da beschließt der Tragödiendichter, ein Gott zu werden – und die verfluchte Welt in einem Handstreich zu retten. Als seine Stellvertreterin schickt er eine Göttin auf die Bühne, die geistesschnelle Zeus-Tochter, Pallas Athene. Und die Göttin braucht nur eine Theaterstunde, um alle Heillosen zu heilen, um die schwärzeste Menschentragödie in die hellste Götteroperette zu verwandeln. Sie braucht für ihr Wunderwerk kein magisches Brimborium, sondern allein ihren Verstand. Göttliche Weisheit, behauptet Aischylos, der Tragödiendichter, stolz, ist nichts anderes als menschliche Vernunft.

Und so wird am Ende alles, alles gut: Orest, der Muttermörder, ist von den Rachefurien erlöst. Die Furien selber, durch die Rede der Göttin verführt, geben ihr grausiges Handwerk gerne auf – aus den Blutsäuferinnen, den Erinyen, werden die Eumeniden. Die Schutzgeister, die Schutzengel der Stadt Athen.

Der Tragödiendichter hat seine Arbeit getan, die Göttin ebenso. Die Welt ist noch einmal davongekommen. Zeit jetzt für ein Fest! Mit dem Ololygmos, dem Jubeljauchzen, endet die "Orestie", die Tragödie der unglückseligen Atriden.

Ariane Mnouchkine und das Théâtre du Soleil haben, nach mehr als drei Jahren Arbeit, die Geschichte der Atriden zu Ende erzählt. In der Cartoucherie von Vincennes bei Paris ist nun an vier Abenden ein theatralisches Titanenwerk zu besichtigen – das aber (größtes aller Wunder!) kein tonnenschweres Monument geworden ist, sondern ein phantastisches Luftgebilde. Mit der "Iphigenie" des Euripides beginnt die Erzählung, mit den drei Tragödien der "Orestie" ("Agamemnon", "Die Choephoren", "Die Eumeniden") geht sie weiter und zu Ende.

Das Sonnentheater hat zahllose Greuel vorführen müssen in den zehn Tragödienstunden. Aber es hat ebenso viele Feste entfesselt. Alle Zauberwaffen des Theaters hat es gegen den Wahnsinn und Stumpfsinn des Mordens in die Schlacht geführt: Musik und Tanz, Märchen und Komödie. Und der Zuschauer, all dem Atridenunglück zusehend, wurde von Stunde zu Stunde glücklicher – ein Paradox, das der alte Grieche "Katharsis" nennt, der stramme Deutsche aber eine Lüge.