Von Karl Schlögel

Kaliningrad ist eine große Stadt mit fast einer halben Million Einwohner. Sein Hafen ist einer der größten der früheren Sowjetunion. Es gibt eine Universität, mehr als ein Dutzend Hochschulen und Institute, es hat Theater, Stadien, Museen, mehrere Bahnhöfe und einen Flughafen, eindrucksvolle Parkanlagen. Der Tierpark ist einer der ältesten in Europa. Die Stadt ist stolz auf den "größten Sohn der Stadt", Immanuel Kant, ihren Botanischen Garten und die Bernsteinindustrie, deren weltweites Zentrum sie ist. Die Straßenbahnen und Busse sind überfüllt, in den leeren Geschäften drängen sich wie überall in sowjetischen Städten die Menschen.

Die Hauptstadt des Kaliningrader Gebiets, das nach der Auflösung der Sowjetunion zur Exklave geworden und durch Litauen von Rußland getrennt ist, bekommt die Krise des ehemaligen Reiches besonders zu spüren. Aus dem einstigen militärischen Sperrgebiet, der "sowjetischen Faust an der Ostsee", soll eine Freihandelszone werden. Die Stadt, die mehr als vier Jahrzehnte für Fremde geschlossen war, liegt jetzt offen. Die Einkaufsreisen per Bus über die polnische Grenze sind ausgebucht. Das Tragflächenboot braucht nach Elbing knapp zwei, nach Danzig vier Stunden.

Kaliningrad blickt nach Westen und rückt auf den Westen zu. Damit treten die Stadt, die Königsberg war, und das Land, das nördliches Ostpreußen hieß, wieder in den Horizont der Deutschen – ob sie wollen oder nicht.

Die unsichtbare Stadt

Die deutschen Besucher Kaliningrads, die mit dem Flugzeug über Riga, mit dem Zug über Wilna oder nach dreizehnstündiger Fahrt im gecharterten Königsberg-Express aus Berlin gekommen sind, sind Reisende besonderer Art. Ihre Augen sehen, was gewöhnliche Reisende mit bloßem Auge nicht erkennen. Sie kennen die Stadt, obwohl sie ihnen gänzlich fremd ist. Ihr Blick zielt auf etwas, das niemand außer ihnen sieht.

Die Fremden erzählen den Einheimischen, die nur Kaliningrad kennen, von der Stadt, die es gab, bevor es Kaliningrad gab. Sie steuern Zielpunkte an, die es gibt, obwohl sie nicht mehr existieren. Ihre Augen suchen einen Halt in der unendlichen Ansammlung von Plattenbau-Hochhäusern. Sie fixieren ein Gebäude, als wollten sie es mit dem vergleichen, das sie im Kopf haben. Sie schlagen die Augen nieder und gehen resigniert weiter, wenn ihre Erinnerung keinen Anhaltspunkt gefunden hat.