Von Autobiographien verlangen die Leser Authentizität, dafür nehmen sie auch einen Anflug von Autoreneitelkeit in Kauf. Carl Djerassi, Professor für Biochemie an der kalifornischen Stanford Universität, macht aus seiner hohen Selbsteinschätzung keinen Hehl. Der Leser sollte seine kokette Selbstetikettierung als "Die Mutter der Pille" – so lautet der Titel seines eben erschienenen Buches – als mißlungenen Tribut an den Zeitgeist übersehen. Auch Djerassis Namedropping gehört in die Kategorie des Überlesenswerten.

Sein Lebenslauf bedarf keiner schmückenden Schnörkel, er spricht für sich: Geboren in Wien, als jüdischer Bub an der Hand der Mutter vorm Naziterror in die Vereinigten Staaten geflüchtet, arbeitete sich Carl Djerassi in die Spitzenriege der Forscher und in die Vorstandsetagen der Pharmaindustrie hoch. Das verschaffte dem extravagant Gekleideten Zutritt zu eleganten Salons und schönen Frauen. Aber wirklich zu Hause ist er im Chemielaboratorium und im Hörsaal.

Der Leser muß nicht fachkundig sein, auch dem Laien vermittelt "Die Mutter der Pille" Einblick in und Verständnis für die dramatische Entwicklung der modernen Chemie. Djerassi ist vor allem die Nachbildung von Naturstoffen im Labor gelungen: Steroidhormone wie Kortison oder bestimmte Sexualhormone hätten ohne seine Forschungsarbeiten der Heilkunde nicht so schnell zur Verfügung gestanden. Ärzte könnten ohne seine Erfindungen manche rheumatische und allergische Erkrankungen schlechter behandeln. Vor allem aber wäre die hormonale Schwangerschaftsverhütung durch die Pille für viele Millionen Paare ein Traum geblieben.

Die Autobiographie von Carl Djerassi ist für den deutschen Leser auch aus einem anderen Grund interessant. Von interdisziplinärer Ausbildung wird bei uns immerfort geredet, aber es wird nicht entsprechend gehandelt. In Stanford begeistert der Chemiker Djerassi mit Seminaren und Gruppenunterricht über die biosozialen Bedingungen der Kontrazeption seine Studenten, die aus allen Fachbereichen zu ihm strömen.

Daß der Text seines aus dem Englischen übersetzten Buches für den deutschen Leser gelegentlich etwas holprig wirkt, läßt sich leicht verschmerzen. Denn Djerassi ist nicht nur ein hervorragender Chemiker, sondern gleichzeitig auch ein guter Lehrer – das glauben ihm die Leser aufs Wort. Hans Harald Bräutigam

  • Carl Djerassi:

Die Mutter der Pille

Haffmans Verlag, Zürich 1992; 521 S., 49,– DM