Von Dietrich Geyer

In zwei stattlichen Bänden hat der Rowohlt Verlag, im Abstand eines halben Jahres, den ersten Teil einer russischen Revolutionsgeschichte vorgelegt, mit der Richard Pipes, ein renommierter Harvard-Professor, die Summe langer Forschungsarbeit zieht. Die deutsche Übersetzung entspricht der einbändigen Originalausgabe von 1990. Angekündigt ist ein weiterer, nicht weniger voluminöser Teil, der die Darstellung über das Jahr 1919 hinaus bis zum Tode Lenins weiterführen soll. Auch dafür hat Rowohlt bereits zwei Bände vorgesehen. In der Literaturbeilage der ZEIT (6. Mai 1992) ist der erste Band der deutschen Ausgabe nicht eben freundlich besprochen worden. Doch der Rezensent steht mit seiner Kritik keineswegs allein. Auch in der englischsprachigen Fachwelt mehren sich Stimmen der Ablehnung, ja Entrüstung.

Pipes ist ein kluger, eigenwilliger und streitbarer Mann, ein konservativer Intellektueller, der als politischer Kommentator (zeitweilig auch im National Security Council Ronald Reagans) am "Reich des Bösen" keinen guten Faden ließ. Kein Wunder, daß er zumal bei Sowjetmenschen von jeher nichts als Abscheu weckte. Aber auch mit Solschenizyn, der Kultfigur neorussischer Nationalpatrioten, hat Pipes die Klingen gekreuzt. Im nationalistischen Milieu Moskaus und St. Petersburgs wird er als Agent westlicher Russophobie, als Verächter des russischen Volkes stigmatisiert. Man sieht: Pipes läßt sich nicht leicht auf einfache Begriffe bringen. Bei alledem ist er ein Historiker von Rang. Was provoziert, sind seine Wertmaßstäbe und Deutungsmuster, ist die Moral aus der Geschichte.

In der Einleitung hat sich Pipes zu einem "wissenschaftlichen Ethos" bekannt, das den Historiker dazu verpflichte, zumal in der Sowjetgeschichte zwischen Gut und Böse klar zu unterscheiden. "Ethischer Nihilismus" sei diesem Gegenstand nicht angemessen. Diese Mahnung gilt nicht zuletzt der eigenen Zunft, jedenfalls einem nicht geringen Teil der jüngeren Revolutions- und Sowjetforschung im Westen. Sie müsse, sagt Pipes, sich aus der "geistigen Zwangsjacke" befreien, "in die [sie] seit siebzig Jahren durch eine politisch gelenkte Geschichtsschreibung gesteckt worden" sei. Daß dieses Diktum vielerorts Empörung weckt, ist unschwer einzusehen. Hinzu kommt, daß Pipes offenbar bewußt vermied, sich mit den Arbeiten derer, die ihm zuwider sind, kritisch auseinanderzusetzen.

Die Konzeption, die diesem Werk zugrunde liegt, hat Pipes schon in den siebziger Jahren formuliert – in einem kompakten Problemaufriß, der ein Jahrtausend russischer Geschichte umspannt: von der Kiewer Reichsbildung des Mittelalters bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Auch dieses Buch ("Russia Under the Old Regime") ist in deutscher Sprache zugänglich, seit 1977 in einer Ausgabe des C. H. Beck-Verlags, seit 1984 überdies als Taschenbuch (dtv-Wissenschaft, Band 4423). Ausdrücklich wird gesagt, daß die Revolutionsgeschichte als Fortsetzung der älteren Arbeit anzusehen sei.

Dieser werkbiographische Hinweis ist keine bloße Arabeske, sondern eine vorzügliche Orientierungshilfe, um die Maßstäbe und Urteile des Autors zu begreifen. Pipes sieht den Sonderweg der russischen Geschichte durch die Kontinuität "patrimonialer Herrschaft" bestimmt, durch ein politisches System, das von der Moskauer Autokratie begründet, im Petersburger Imperium bewahrt und von der bolschewistischen Diktatur erneuert worden sei. Zu den Kennzeichen dieses "Patrimonialismus" gehört dreierlei: die Monopolherrschaft der Zaren über Land und Leute, die Abwesenheit römisch-rechtlicher Eigentumsbegriffe und das Fehlen eigenständiger Gesellschaft, die sich von der Staatsgewalt hätte emanzipieren können.

Obwohl das Patrimonialsystem in der Eigentumssphäre seit dem 18. Jahrhundert an Geltung allmählich verlor, blieb das Herrschaftsverständnis der Autokratie von diesem Wandel unberührt – auch dann noch, als die Revolution von 1905 eine begrenzte Partizipation gewählter Volksvertreter erzwang. In der Tat war Nikolaus II. bis zum bitteren Ende hin nicht davon abzubringen, daß das Machtmonopol der Krone um Rußlands willen unverzichtbar sei. Der Autor hat diese Intransigenz höchst anschaulich beschrieben, auch den unseligen Einfluß, der von den Neurosen der aus Hessen stammenden Zarin und von den Launen Rasputins auf den entscheidungsschwachen Zaren ausging. Nicht weniger nachhaltig, meint Pipes, habe das patrimoniale Prinzip in der Mentalität der russischen Bauern fortgelebt, in einem Volk, dem "die jahrhundertelange Leibeigenschaft noch in den Knochen steckte" und das für Privateigentum und politische Rechte "nur Verachtung übrig hatte". Die Bereitschaft, sich einer harten Hand zu beugen, sei Ausdruck jener Tradition. Diese Deutung – einer der Angelpunkte für das Verständnis des Revolutionsverlaufs – ist ein altes Klischee der Rußlandliteratur. Von der modernen sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Forschung werden solche Globalaussagen zu Recht gemieden. Pipes hat diese Stereotypen unbesehen übernommen, um dem Leser verständlich zu machen, weshalb es Lenin nach dem Ende der Monarchie so rasch gelang, die improvisierte Demokratie der Februarrevolution hinwegzufegen und den kommunistischen Einparteienstaat zu etablieren. Die Arbeiterklasse, deren Struktur und politische Rolle seit Jahren Gegenstand intensiver Forschung sind, taucht als eigenständige Größe in diesem Buch nicht auf. Arbeiterschaft in Rußland ist für Pipes nichts anderes als eine ins städtisch-industrielle Milieu versetzte Variante der dörflich-bäuerlichen Welt.