Von Michael Thumann

Skopje

In einer Teestube in der Altstadt von Skopje hängen drei Tito-Portraits über der Theke: ein Photo des Marschalls am Schreibtisch, ein Tito-Profil in Gold auf rotem Samt und schließlich sein Konterfei als geknüpfter Teppich. Zu viel Ehre für den 1980 gestorbenen kommunistischen Führer Josip Broz, genannt Tito? "Unter ihm lebten alle Völker Jugoslawiens in einem friedlichen, einigen Land", rechtfertigt Ćozović Zejnula den Personenkult. Der Besitzer der Teestube hat seine Gründe. Er ist Muslim; seine Familie stammt aus Serbien. Die Eltern zogen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Skopje; er ist hier aufgewachsen. "Serbisch ist meine Muttersprache. In der Schule lernte ich Mazedonisch. Mit den Verwandten in Istanbul spreche ich Türkisch."

Diese Mischung mag in Skopje eine Ausnahme sein. Und dennoch ist sie typisch für Mazedonien, die südlichste Republik des ehemaligen Jugoslawien. Das Land ist der Vielvölkerstaat im Vielvölkerstaat. Hier leben slawische Mazedonier neben Albanern, Serben neben Türken, Roma neben Vlachen. Die Slawomazedonier bilden die größte ethnische Gruppe. Nach ihnen benannte Tito die von ihm 1944 geschaffene Republik. Wissenschaftler entwickelten damals eine mazedonische Schriftsprache und konstruierten die Geschichte dieser "Nation". Als Titos Lebenswerk, das sozialistische Jugoslawien, zerbrach, blieb es dabei.

Gerade dieser Name verwehrt dem Land die internationale Anerkennung. Die Griechen haben die Welt gegen den Balkannachbarn eingeschworen. "Mazedonien" könne kein Staatsname sein, heißt es in Athen, sondern bezeichne einen geographischen Raum. Es geht um das Kernreich des makedonischen Königs Alexander des Großen, als dessen Erbwalter sich die Griechen verstehen. Obgleich die Mazedonier in Skopje Slawen sind, die hier zu Alexanders Zeiten nicht lebten, haben sie den antiken König in ihre Heldengalerie eingereiht. Der Stern seiner Dynastie ziert die neue Flagge. Den jungen Staat dürstet es nach Tradition – und da Mazedonien keine Schutzmarke war, nahm man sich aus dem Gemischtwarenladen der Geschichte, was man brauchte.

Doch in Skopje erinnert man gern an die Vergangenheit. Im griechischen Bürgerkrieg vor gut vierzig Jahren mußten Slawen aus dem griechischen Makedonien fliehen. Heute wollen viele von ihnen zurück, behauptet die Organisation Dostoinstvo (Würde), ein mazedonischer Vertriebenenverband. Ihr Vorsitzender Kole Mangov fordert erregt eine Entschädigung vom griechischen Staat und prangert die angebliche Unterdrückung von Slawen in Hellas an. Diese Position vertritt auch die nationalistische Partei VMRO. Ihr Name geht zurück auf einen Bund slawomazedonischer Untergrundkämpfer von 1893. Der heutige Vorsitzende Ljupčo Georgievski wirkt wie ein Revolutionär von damals. Der erst 27jährige Dozent trägt Haar und Bart lang; das dunkle Baumwollhemd hängt über die Hose. Doch Georgievski ist kein Sektierer. Er leitet die mit Abstand stärkste mazedonische Partei.

Sieben Monate lang war Georgievski stellvertretender Präsident des Landes, nun führt er die Opposition. In die Ausweise der Parteimitglieder ist eine Karte von Großmazedonien eingedruckt, die fast ganz Nordgriechenland umfaßt. Auf dem Parteitag raunten sich die VMRO-Delegierten zu: "Und den nächsten Kongreß halten wir in Thessaloniki ab." Die Partei hält die mazedonische Frage am Köcheln, die bisher in der Geschichte von Serben, Bulgaren und Griechen immer mit der Aufteilung Mazedoniens beantwortet wurde.