Von Hubert Winkels

Als der Erzähler noch ein Kind war, hatte er das Sprechen verweigert. Erst verstellte das vordem mustergültig deklamierende Kind die Satzteile, dann sprach es mit langen Pausen zwischen den Worten, dann nur noch die Worte selbst, einzeln und ohne Zusammenhang, dann gar nicht mehr. Es wurde vom Vater in einen dunklen Keller gesteckt, was letztlich auch nichts nützte.

Eine Vater-Sohn-Geschichte mit allen literaturnotorischen Härten, zudem gut gefüllt mit sprach- und machtanalytischen Leckerbissen der neueren Art. Der Vater ist ein hoher Polizeioffizier in der DDR. Er spricht in den Formeln der Macht, auswendig und imperativisch, und der Sohn fällt in den Riß zwischen Mitteilung und Mitgeteiltem, er versteht die Botschaft nicht, weil er die Sprechhaltung des Vaters (seine Unaufrichtigkeit) nicht annehmen kann. Folglich ist sein Versagen ein Sich-Verweigern, seine Stummheit unbewußte Auflehnung.

Die kleine Geschichte der väterlichen Sprechgewalt und ihrer Folgen steht in jeder Hinsicht im Mittelpunkt von Kurt Drawerts erstem Prosabuch "Spiegelland. Ein deutscher Monolog". Leider steht auch die obige Erklärung explizit im Buch. Alles, was Drawert uns erzählt über Großvater und Vater, Schule und Elternhaus, Nazilehrer und stalinistische Despoten, ist eingebettet in einen großen, reflektierenden Klagemonolog, der die gesamte DDR-Wirklichkeit als Sprachgefängnis umfaßt; und dieser modulationslos lamentierende Monolog läßt den einzelnen Episoden, Szenen und konkreten Erinnerungen eines beschädigten Lebens kaum einen eigenen Raum. Jede Einzelheit ist vorinterpretiert, und die Deutungen überborden die Ereignisse bei weitem, gelegentlich bis zu deren Verschwinden.

Der Leser ist recht bald verärgert. Kurzerhand wird ihm die Deutungskompetenz aus der Hand genommen, und er muß lesen, was er sich gern gedacht hätte. Doch bald merkt er auch, daß dieser unfreundlich-bevormundende Starrsinn des Erzählers Methode hat. Denn nichts wäre diesem ärger, als in die Falle falscher Unmittelbarkeit zu geraten. Der Vater und mit ihm die gesamte sozialistische Ordnung sind nämlich eine einzige Instanz der Lebensverhinderung qua Sprachabtötung. Und ihr Opfer kann folglich nicht phantasievoll erzählerische Echtheitseffekte produzieren oder eine unterhaltsame Illusionsbildung betreiben, sonst wäre es eben kein Opfer. Also starrt es selbstverloren auf die Täter und sucht in der analytischen Abwehr die rettende Distanz.

Der neuerdings wieder aufgewärmte Vorwurf, die neue deutsche Literatur betreibe sprachlichen Inzest und verpasse das Leben, ließe sich mit Leichtigkeit auch auf Drawerts "deutschen Monolog" beziehen. Nur geriete dabei, wie meistens, das Entscheidende aus dem Blick: die Anstrengung, die der Erzähler unternimmt, seine Sprachbeschädigung, die auch Lebensentzug ist, zu begreifen und zu nutzen. Es kann ihm nur gelingen, wenn er sie nicht verleugnet, wenn er die Geschlossenheit und Gewalt des väterlichen Sprechens in sich selbst entdeckt und mit ihr wuchert; wenn er sie zugleich kommen läßt und auf Distanz hält. Darum bemüht er sich, das ist seine Qual und seine Arbeit und auf eine komplizierte Weise auch seine Lust. Der Erzähler will auf Einzelnes hinaus und sagt immer nur das Ganze, er will den Moment der Wahrheit und redet von der Wahrheit der Momente, er zielt auf das Undeutbare und trifft die Deutung, er will das Eigentliche und geht im Uneigentlichen unter. Dieses Bemühen selbst und das Scheitern und die Form, die er daraus gewinnt, ist Sache des Erzählers und eben nicht die sogenannte Wirklichkeit, dieses obskure Jenseits jugendbewegter Lebensbeschwörer. Jede andere, frank und frei vor imaginäre Leseraugen gesetzte grau-nostalgisch oder sonstwie kolorierte DDR-Welt wäre demgegenüber eine Lüge.

Für ein Kapitel bedient sich Drawert indirekt bei Rolf Dieter Brinkmann, lehnt sich an dessen Litanei des Weitermachens (aus "Westwärts 1 & 2") an: "Die Abbildungen gehen weiter, die Sonderdrucke und Abziehbilder und Videoclips gehen weiter, die Photographien gehen weiter, die schlechten Filme und die schlechten Romane gehen weiter und die scheiternden Revolutionen gehen weiter..."; er hätte Brinkmanns Schluß der Suada wörtlich zitieren sollen, wo es heißt: "Mag sein, daß deutsch bald eine tote Sprache ist. Man kann sie so schlecht singen. Man muß in dieser Sprache meistens immerzu denken, und an einer Stelle hörte ich, wie jemand fluchte: Ihr Deutschen mit euren Todeswünschen, wenn ihr sprecht!"